Reporter spielen im Flüchtlingscamp

VON Philipp Spillmann

27.07.2015

Bei Newsgames handelt es sich um interaktive Online-Formate, die einen journalistischen Stoff zugänglich machen, indem der Zuschauer zum Spieler wird. Klassischerweise sind das Videospiele, die gesellschaftsrelevante Themen aufgreifen, etwa den Bürgerkrieg in Syrien oder die Proteste in Hong Kong 2014.

Newsgames bauen auf anerkannten Fakten auf, brechen aber mit der Dramaturgie herkömmlicher Reportagen. An die Stelle der Geschichte tritt ein Szenario. An die Stelle eines Protagonisten tritt ein Spieler. Die Geschichtsschreibung kehrt sich quasi um. Statt erst mit der Erzählung aufzuspüren, was effektiv geschehen ist, erhält sie von Anfang an einen vorausgesetzten Zweck, eine Begründung und einen Plan: Die Mission. Der Konflikt, welcher der Geschichte zugrundelag, begründet nun das Spiel als Katastrophe – ein Trauma, das durch das Bearbeiten im Spiel verarbeitet werden muss.

Neben der ethischen Frage, ob es richtig ist, einen Bürgerkrieg oder eine Flutkatastrophe zu einem Objekt der Unterhaltung zu machen, werfen Newsgames also vor allem auch Fragen der akkuraten Darstellung von Geschichte auf. Reportagen schildern Geschichten. Newsgames simulieren sie. Darin sind sie transparent. Es ist klar, dass das, was sie zeigen, so nicht stattgefunden hat. Das Problem liegt bei Newsgames deshalb vor allem darin, wie die Bilder und Weltbilder, mit denen sie arbeiten, im Spiel konsumiert werden.

Der Newsgame-Klassiker »PRISM – the Game« enthält eine ironische Brechung darin, dass der Spieler kein Held, sondern ein Agent auf der Seite der »Schurken« ist. Ein anderes Newsgame, welches die angesprochene Problematik thematisiert, ist das Onlinespiel »Refugees« von Arte. Es handelt vom Alltag in vier Flüchtlingslagern, in Nepal, im Irak, im Libanon und dem Tschad, wobei der Spieler die Rolle eines Reporters einnimmt. Das Spiel wurde 2014 in Medienpartnerschaft mit der NZZ, Le Soir und der Süddeutschen Zeitung in der Form einer multimedialen Online-Plattform lanciert. Sie versammelt Geschichten aus den vier Camps, aus der Sicht von Fotografen, Schriftstellern und Comiczeichnern aber auch Hintergrundberichte, Interviews und Datenvisualisierungen zum Thema Flüchtlingslager und Migration.

Das Projekt ist zwar aufwendig gemacht, aber die Idee des Spiels ist simpel: Für jedes Camp stehen fünf Tage zur Verfügung, in denen es einen von der Redaktion definierten Auftrag umzusetzen gilt. Der Clou: Die Währung des Spiels ist Zeit. Zeit, die eingesetzt werden muss, um Lagerbewohner zu besuchen, mit Behörden zu verhandeln, ins Camp zu fahren oder Wörterbücher zu kaufen. Eine Spielminute dauert in Echtzeit eine Sekunde. Der Zeitdruck verschärft den Konflikt, Entscheidungen treffen zu müssen. Und genau das muss man als Spieler unablässig tun: Auswählen, wer gezeigt und wer weggeschnitten wird, was beobachtet und was ausgelassen werden soll. Welche Bilder gefragt sind, um die vorgegebene Botschaft zu verkünden – und welche nicht.

Das Spiel bietet die Möglichkeit, sich mehr in die Arbeit eines Reporters hineinzuversetzen, als bei einer Reportage, die bereits fixfertig erzählt ist. Es spornt an, darüber nachzudenken, wie aus Szenen, Menschen und Schauplätzen Geschichten konstruiert werden. Aber die Erfahrung, wie es wirklich ist, ein Reporter vor Ort zu sein, bietet das Spiel nicht. Man befindet sich an einem Schnittplatz, nicht auf dem Terrain. Keine Entscheidung fällt richtig schwer, denn man ist keiner Person, deren Geschichte man weglassen muss, jemals begegnet. Die Erfahrungen, die man macht, basieren auf vorgefertigtem Material.

Wie alle Newsgames bleibt auch »Refugees« dabei, ein Erlebnis zu simulieren. Das ändert sich in dem Moment, in dem das Spiel dem Spieler bewusst macht, wie künstlich diese Erfahrung ist. Entscheidend ist dann aber nicht mehr, näher ran zu kommen, sondern die Distanz besser auszuloten.

Dieser Beitrag ist ein Produkt von metareporter, einem Projekt der Plattform Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste und des Magazins Reportagen. Zu den Autor/innen von metareporter gehören Studierende und Dozierende des Master Kulturpublizistik der ZHdK.