Was seither geschah: «Flüchten dank Facebook» [#22]

VON Alexandra Rojkov

15.12.2016

Nach einer monatelangen Konversation über Facebook 2014 half der Göttinger Student Tom dem Syrer Nabil, nach Deutschland zu kommen. Seit zwei Jahren lebt dieser nun in der Bundesrepublik. Wie ist es ihm ergangen?

… was seither geschah

Die erste Verunsicherung kam auf der Toilette an der Autobahn. Sie hatten an einer Raststätte haltgemacht, irgendwo zwischen Frankfurt und Hamburg. «Das Klo bewegt sich!», rief Nabil, als er von der Toilette zurückkam. Dass ein Sitz sich selbst desinfiziert, die Toilette eigenständig spült, hatte Nabil noch nie gesehen. «Das Ding kann bestimmt sogar Schach spielen», witzelte er. «Das nennt man also Kulturschock.» 

Nabil hatte sein ganzes Leben in Syrien verbracht. Dann traf er zufällig Tom, einen Studenten aus Göttingen. Die beiden entwickelten eine Brieffreundschaft. Als der Krieg begann, versuchte Tom, ein Deutschland-Visum für Nabil zu besorgen. Nach einem einjährigen Kampf mit den Behörden durfte Nabil schliesslich nach Deutschland kommen.

Die ersten vier Wochen verbrachte er in Toms Elternhaus, einem dreistöckigen Eigenheim in einer Hamburger Ökosiedlung; dahinter Felder, ein Teich, Kastanienbäume. Vormittags besuchte Nabil, der in Syrien Medizin studiert hatte, einen Sprachkurs für Ärzte, lernte Wörter wie «Schlauch» und «Blutabnahme». Nachmittags lieh er sich Toms Fahrrad und radelte durch den Elbtunnel. Während der WM malte Nabil sich eine Deutschlandflagge auf die Wange und sah sich mit Tom und seinen Freunden das Spiel an. «Die Deutschen jubeln ja gar nicht richtig», wunderte er sich. Selbst beim Fussball kamen Nabil die Deutschen merkwürdig reserviert vor. Doch wenn es wichtig ist, sind sie bereit zu helfen – Ordnung hin oder her. Als Nabil sein Visum verlängern wollte, lehnte die Sachbearbeiterin ihn zunächst ab. «Ich kann nichts für Sie tun. Sie müssen zurück in Ihr Land.» Nabil nahm seinen Pass und hielt ihr die Vorderseite vor das Gesicht: Arabische Republik Syrien. «Wollen Sie, dass ich dahin zurückgehe?», fragte Nabil. Die Sachbearbeiterin nahm den Pass zurück. «Warten Sie zwei Minuten», sagte die Frau. Er bekam die Verlängerung.

Im Juni 2014 – Nabil war seit einigen Wochen Hospitant in einer Klinik in Kassel – erzählte ihm die Mutter eines Bekannten von einer offenen Stelle an einem Klinikum in einer norddeutschen Universitätsstadt. Er bewarb sich – und bekam den Job. Im April 2015 fing Nabil an, als Anästhesist zu arbeiten. Anfangs stockte sein Deutsch, konnte Nabil nicht jeden Patienten auf Anhieb verstehen. Um sich zu verbessern, lernte er, wann immer es ging. Sobald er einen Patienten in Narkose versetzt hatte, packte er sein Lehrbuch aus. Gewissenhaft kontrollierte Nabil Blutdruck und Atmung. Nebenbei paukte er Vokabeln. 

Fast zwei Jahre ist das nun her. Inzwischen ist Nabils Deutsch flüssig. Er kann mit den deutschen Ärzten scherzen, seine E-Mails beendet er mit dem Satz «Sei lieb gegrüsst». Nabil fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit und lebt in einer Drei-Zimmer-Wohnung im Zentrum seiner Arbeitsstadt. Mit Tom ist er noch immer befreundet, sie telefonieren ab und zu. Doch obwohl Nabil in Deutschland angekommen ist, will er hier nicht dauerhaft bleiben. Es muss vor einem Jahr gewesen sein. Als Nabil sein Fahrrad vor einem Kiosk abstellte, sprach ihn ein Mann an. Oder vielmehr: Er schrie ihn an. «Ihr Syrer dürft eure Räder nicht einfach abstellen, wo es euch passt!», rief der Mann. «Ihr haltet euch wohl für etwas Besseres, nur weil ihr Flüchtlinge seid!» Solche Dinge, sagt Nabil, höre er oft. Sie machen ihn wütend und auch traurig. Dass er als Arzt arbeitet und nebenbei lernt, dass er Steuern zahlt und Deutsch spricht – es scheint, als würde all das den Deutschen nicht genügen. «Egal, wie sehr ich mich anstrenge, sie werden mich nie als einen von ihnen betrachten», sagt er. Deshalb würde er gerne weiterziehen, nach England oder in die USA. In ein Land, in dem Migranten mehr akzeptiert würden. 

Nach Syrien zurück will Nabil nicht. Zwar telefoniert er oft mit seinen Eltern, die trotz dem Krieg immer noch in Daraa leben. Dann hört er davon, dass der Strom mal wieder ausgefallen ist oder die Lebensmittel knapp werden. Aber Nabil verfolgt die Nachrichten aus seiner Heimat nicht mehr. «Es würde mich nur deprimieren», sagt er. «Mehr als zwei Jahre bin ich schon fort. Aber in Syrien hat sich nichts geändert.» 

 

Mehr zu dieser Geschichte:

«Flüchten dank Facebook» von Alexandra Rojkov in Reportagen #22»