Was seither geschah: «Apotheker ohne Pillen» [#25]

VON Benjamin von Brackel

13.02.2017

Benjamin von Brackel schrieb in Reportagen #25 über den Apotheker Ernst Pallenbach, der Hunderttausende Rentner aus ihrer Sucht nach Beruhigungsmitteln befreien will.

… was seither geschah.

Ein Hinterhof in Konstanz. Es dämmert, als Ernst Pallenbach an einem Herbsttag das schmale Treppchen hinaufsteigt ins kleine Tonstudio des Südwestrundfunks. Der Apotheker ist als Gast für ein Radiogespräch eingeladen. Thema: «Sucht auf Rezept. Warum verschreiben deutsche Ärzte so viele Beruhigungsmittel?» Pallenbach hat einen Weg gefunden, wie sich Hunderttausende Rentner aus ihrer Medikamentensucht befreien lassen: Die Apotheker sprechen die Süchtigen direkt an und beraten sie bei der Entwöhnung. In mehreren Städten hat er mithilfe der Ärzte über die Hälfte der angesprochenen süchtigen Patienten aus ihrem Dämmerzustand befreit. Doch es war ausgerechnet ein Arzt, der alles daran setzte, Pallenbachs Mission zu stoppen. Der Ärztefunktionär Christoph von Ascheraden wollte verhindern, dass Apotheker ins Hoheitsgebiet seiner Zunft eindringen. Irgendwann schnappte Pallenbach das Gerücht auf, sein Widersacher habe sich zur Ruhe gesetzt. Er tippte am Computer seinen Namen ein und las: «Ein erfülltes Berufsleben endet.» Pallenbach konnte es kaum fassen. Bedeutete das die Wende?

Im Studio in Konstanz schiebt der Tontechniker den Regler hoch. Neben dem Apotheker sitzt in der schallgedämmten Kabine nur noch eine weitere Person: eine Kinderpsychologin aus Konstanz. Was Pallenbach zu dem Zeitpunkt nicht weiss: Sie ist die Nachfolgerin von Ascheradens, die neue Chefin des Ausschusses Suchtmedizin der Landesärztekammer.

Pallenbach redet an jenem Abend schnell in sein Mikrofon, die Stimme bricht hin und wieder; er will alles unterbringen, seine kleine Revolution bekanntmachen. Dann ist Paula Hezler-Rusch an der Reihe. Sie spricht das Problem offen an: Patienten, die sich über Jahre an ihre Beruhigungstabletten gewöhnt haben und nicht mehr davon ablassen wollen. Ärzte, die sie immer weiter verschreiben. «Dass man sich da von verschiedenen Seiten an das Problem ranmacht, das ist natürlich sinnvoll», hört Pallenbach ihre Stimme über die Kopfhörer. Ein erstes Entgegenkommen. Die beiden verabreden, in Kontakt zu bleiben.

Der Apotheker kämpft an allen Fronten weiter. Pallenbach klappert Krankenkassen ab, wirbt mit Power-Point-Präsentationen dafür, dass Apotheker für die Extraberatung zur Einnahme der Beruhigungsmittel Geld kriegen. Er ergattert einen Termin bei der neuen Drogenbeauftragten. Und er schreibt Projektanträge an die Landesregierung für den Entzug in der Altenpflege. Die Antwort ist immer die gleiche: interessant, aber derzeit nicht machbar. Abends in seiner Doppelhaushälfte in Villingen-Schwenningen ruft Pallenbach schon einmal laut «Scheisse!». All die Rückschläge kann sich der Apotheker nur so erklären: Dafür bezahlt zu werden, von Medikamenten abzuraten, würde das Gesundheitssystem richtig umkrempeln. «Vielleicht ist das auch eine Nummer zu gross für mich», sagt er. Selbst die Familie verliert die Geduld. Er müsse auch einmal an sich denken, Abstand gewinnen, rät ihm seine Frau. Pallenbach weiss, dass sie recht hat. Aber er kann nicht anders. Das Problem sei ja nach wie vor da. Die Zahl der Schlaf- und Beruhigungsmittel-Abhängigen wurde deutschlandweit zuletzt auf 1,5 Millionen nach oben korrigiert. 

Wenige Wochen nach dem SWR2-Talk hält Pallenbach einen Vortrag in Radolfzell. Die Zuhörer ätzen: Wie kann es sein, dass Ärzte über Monate Rezepte für Beruhigungsmittel verschreiben? Sie seien nicht die Bösewichte, sagt Pallenbach, das Problem sei grundsätzlicher. Als er den Saal verlässt, spricht ihn eine Frau an – es ist Hezler-Rusch von der Landesärztekammer. Sie dankt ihm für die Verteidigung. Pallenbach lädt sie zu einem Apothekertreffen ein, es gibt Lachshäppchen und Sekt. Dort erzählt Hezler-Rusch von einem Suchtkongress der Ärztekammer, Pallenbach bietet sich als Redner an – Ja, warum nicht?, sagt die Ärztefunktionärin. Wochen später hält er die Einladung in der Hand – im Programm wird er nicht aufgelistet. «Vielleicht ist das ja der lange Arm von von Ascheraden», sagt der Apotheker frustriert.

«Apotheker ohne Pillen» [Reportagen #25]