Keine Geschichte: Judith Luig

VON Judith Luig

16.02.2017

Nicht jede Idee eines Reporters führt zu einer grossartigen Reportage: Eine vergebliche Suche nach Machos bei der Berliner Stadtreinigung.

Es war gegen halb zwei Uhr in einer Julinacht vor einer Bar. Wir hatten gerade beschlossen, dass wir in diesem Sommer entdeckt werden würden, und, um das zu feiern, die vierte Runde Gin Tonic bestellt, nachdem wir bei meiner Freundin schon die Rieslingvorräte geleert hatten. Auf einmal fragte mich Anne: «Was ist eigentlich aus deiner Idee mit den weiblichen Machos geworden?» Und ich sagte: «Ach, du Scheisse.» Vier Stunden später stand ich am Strassenrand und winkte einem Taxi. Als ich einstieg und sagte: «Zur Müllabfuhr, bitte», schaute der Fahrer mich grinsend im Rückspiegel an. «So schlimm sehen’se auch wieder nicht aus.»

Die Reportage über die Berliner Stadtreinigung (BSR) war der allererste Termin zu meiner Idee mit den weiblichen Machos, oder sagen wir besser, der erste, der geklappt hatte. Ich war auf der Suche nach Frauen, die sich Platz verschafft hatten in den Aufsichtsräten und Chefsesseln, selbstbewusste Macherinnen, die sich von dem Geheimklubgetue der Typen nicht hatten abschrecken lassen. Monatelang hatte ich Karrierefrauen angefragt (anfänglich war ich noch so blöd gewesen, den Arbeitstitel meiner Story mitzuteilen), aber nur die Chefin der BSR hatte sich schliesslich erbarmt. An diesem Morgen also wollte ich bei einer Fahrt mit einem Müllwagen dabei sein und diese Eindrücke dann mit dem Porträt der Chefin gegenblenden. Die Müllabfuhr ist eine der letzten Männerdomänen, ein Biotop für den deutschen Macho. Tausende Männer mit einer Frau an der Spitze – besser ging es nicht für mein Vorhaben. Hatte ich gedacht.

Es war sechs Uhr früh und bereits tausend Grad heiss. Vorbereitungsgrad: null. Recherche: null. Alkoholpegel: 1 Promille. Ich stolperte mit leichter Schräglage über den Hof der Stadtreinigung, mitten durch die orangefarbene LKW-Flotte, suchte den Raum, in dem man mich einkleiden würde, und hoffte, dass mir irgendeiner einen Kaffee anbieten würde, was aber nicht passierte. Um halb sieben hatte ich den ersten Schweissausbruch.

Meine Truppe bestand aus drei sehr nett wirkenden Typen zwischen 20 und 50. Ich durfte ihre gesamte Schicht in dem Müllwagen mitfahren, dann würde ich die Chefin treffen. Das heisst, wenn ich dann noch lebte. Auf dem Weg zum Einsatzgebiet versuchte ich mich verzweifelt daran zu erinnern, was ich mir nochmal von dieser Tour erwartet hatte. Hatte ich mit Bildern von prallbrüstigen Pin-up-Girls im Spind gerechnet? Mit Männertoilettenwitzen? Was zur Hölle tat ich hier?

Die ersten zwei Stunden sagte ich fast kein Wort. Nicht nur, weil mir keine Fragen einfielen, sondern auch aus Angst, mich übergeben zu müssen. Die Jungs legten grossen Wert auf Sauberkeit in ihrer Fahrerkabine, es war ordentlicher als in meinem Wohnzimmer. Hätte ich die Fahrerkabine beschmutzt, sie hätten mich vermutlich im nächsten Wertstoffbehälter entsorgt.

Die drei beachteten mich kaum. Sie sprachen sehr nett über ihre Kinder, zum Thema Macho konnte ich nichts notieren. Irgendwann stellte ich erste hilflose Fragen nach dem Fahrzeug und seiner Potenz (oh, Gott) und danach, ob auch Frauen Müllwagen fahren könnten. Als ich anfing, die drei zu nerven, beschloss der eine, ich könnte ja durchaus auch hinten auf dem Trittbrett mitfahren und Mülltonnen mit ausleeren. Ehrlich gesagt begann damit der bessere Teil des Tages. Ich lernte, wie man Mülltonnen über Gehwege schubst, wie man sie sanft, aber bestimmt auf den Greifarm schiebt, damit der sich die Riesentonne schnappt, sie umkippt und sich dann der LKW die stinkende Ladung unter lautem Gepolter einverleibt. Ich fuhr einhändig hinten am Müllwagen mit, das Schädelbrummen schwand, auch wenn mit steigender Hitze der Müll immer übler roch. Gegen zwölf hatte ich kurz das Gefühl, es müsse ja nicht jeder ein Günter Wallraff sein. Was ich hier machte, würde sicher auch eine tolle Reportage hergeben, so eine über Helden des Alltags, die von innen leuchten. Ein Text wie ein Film von Jim Jarmusch. Arthouse-Journalismus. Wie gesagt, ich war immer noch etwas angetrunken.

Das Gespräch mit der Chefin lief dann tatsächlich unerwartet perfekt. Obwohl ich mich neben ihr fühlte wie ein ausrangierter Müllwagen neben einem Lamborghini. Ich notierte in meinen Block, wie sie sich über ihre männlichen Geschäftsführer-­Kollegen amüsiert, die Termine bis ins Unendliche ziehen, nur damit sie erst dann nach Hause kommen, wenn die Kinder schon im Bett sind. Wie sie abends noch wichtige Gesprächsrunden ankündigen, bei denen sie sich dann doch nur in ihren Whiskeygläsern versenken, weil sie noch nicht nach Hause wollen. Wie, als sie zur Chefin ernannt wurde, man ihr sagte, jetzt dürfe auf ihre alte Stelle nicht aber schon wieder eine Frau vorrücken. Toller Stoff, aber ich hatte mich zu früh gefreut. Die Presseabteilung strich bei der Autorisierung die Zitate meine 10 000-Zeichen-Reportage auf 1000 Zeichen Werbeprospekt zusammen.

Eine Geschichte für die Mülltonne. Ich hatte keinen weiblichen Macho. Und männliche Machos gab es bei der BSR offensichtlich auch nicht. Oder doch?

Als ich abends an meinen Tag zurückdachte, wurde mir klar, wo die Geschichte kurz aufgeleuchtet hatte. Auf der Fahrt zur Sammelstelle hupte uns jedes einzelne Müllauto an, dem wir entgegenkamen. Die Typen in den anderen Fahrerkabinen machten mehrdeutige Gesten in meine Richtung. Meinen Kurzzeitkollegen waren diese Begegnungen sichtlich unangenehm. Jetzt erst kapierte ich, wie sorgfältig mein Team gecastet worden war. Die Müllmän­ner in den anderen Wagen, das wären die Jungs gewesen, mit denen ich hätte fahren müssen! Mit denen hätte ich ganze Repor­tagen­bände füllen können.

Dieser Text erschien auch in Reportagen #33.