27 Jahre Einsamkeit

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Christopher Knight haust sein halbes Leben lang allein im Wald. Bis er verhaftet wird. 

Michael Finkel

Um Mitternacht brach der Einsiedler auf. Seinen Rucksack und die Tasche voller Einbrecherwerkzeug geschultert, verliess er das Lager und schlängelte sich an Bäumen und Büschen vorbei, überwand Felsbrocken, Wurzelwerk und wieder Felsbrocken, jeder Schritt genaustens eingeprägt. Er hinterliess keinen einzigen Stiefelabdruck. Die Nacht war kalt, fast mondlos, perfekt für einen Raubzug. Die Wanderung zum «Pine Tree Camp», einem Sommerlager bestehend aus einigen Dutzend Hütten am Ufer des North Pond in Maine, dauerte rund eine Stunde. Mit einem Schraubenzieher öffnete er routiniert die Tür zum

Um Mitternacht brach der Einsiedler auf. Seinen Rucksack und die Tasche voller Einbrecherwerkzeug geschultert, verliess er das Lager und schlängelte sich an Bäumen und Büschen vorbei, überwand Felsbrocken, Wurzelwerk und wieder Felsbrocken, jeder Schritt genaustens eingeprägt. Er hinterliess keinen einzigen Stiefelabdruck. Die Nacht war kalt, fast mondlos, perfekt für einen Raubzug. Die Wanderung zum «Pine Tree Camp», einem Sommerlager bestehend aus einigen Dutzend Hütten am Ufer des North Pond in Maine, dauerte rund eine Stunde. Mit einem Schraubenzieher öffnete er routiniert die Tür zum Speisesaal und glitt hinein. Mit seiner Taschenlampe suchte er die Vorratsregale ab.

Süssigkeiten! Immer gut. Zehn Rollen Smarties. Eilig stopfte er sie in die Tasche. Dann öffnete er seinen Rucksack und packte Marshmallows, zwei Dosen gemahlenen Kaffee und einige Tüten Chips ein. Burger und Speck lagen im verschlossenen Tiefkühlraum. Auf einem früheren Beutezug ins «Pine Tree» hatte er einen Schlüssel mitgehen lassen, mit dem er jetzt die Stahltür aufschloss. Am Schlüssel baumelte ein Anhänger in Form eines vierblättrigen Kleeblatts. Eines der Blätter war zur Hälfte abgebrochen. Ein dreieinhalbblättriges Kleeblatt.

Ein bisschen mehr Glück hätte er gebrauchen können. Hinter der Eiswürfelmaschine verborgen hing seit kurzem ein Bewegungsmelder des Militärs. In der Küche gab das Gerät keinen Laut von sich, dafür aber bei Sergeant Terry Hughes zu Hause, einem Jagdaufseher, der besessen davon war, den Dieb endlich zu fassen. Hughes wohnte eine Meile entfernt. Er raste mit seinem Pick-up ins Sommerlager, rannte zum Speisesaal und spähte durch ein Fenster.

Und da war er. Vermutlich. Dieser Mann da, der Lebensmittel stahl, kam ihm viel zu gepflegt vor. Er war frisch rasiert, trug eine Brille und eine wollene Skimütze. Sollte das der North-Pond-Einsiedler sein, der Mann, der die Menschen in der Region seit Jahren – Jahrzehnten – in Atem hielt? Der Mann, dessen Namen die Polizei noch immer nicht kannte?

 

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