80 mm bis ins Glück

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Brechen, strecken, wachsen: Ein Mann lässt seine Beine verlängern.

Marco Lauer

Davor

Bevor alles beginnt, der Traum sich endlich der Wirklichkeit nähert, steht eine Lüge. Einen Tag und eine Nacht ist er unterwegs. Beruflich. Erzählt er seiner Frau. Es soll jetzt keine Fragen mehr geben, die sie ihm stellen könnte, wenn sie von seinem Vorhaben wüsste. Nichts soll es mehr ins Wanken bringen. Fünfzehn Jahre hat er auf dieses Ereignis hinstudiert, hinpromoviert, hingearbeitet, hingespart. Auf diese Operation. Fünfzehn Jahre hat das Wissen darum, irgendwann diese OP machen zu lassen, die Dämonen in seinem Kopf besänftigt. In besten Fällen, an manchen Tagen, zum Schweigen gebracht. 

Marcel D., Mitte dreissig, ist nicht beruflich unterwegs. Nimmt einen Tag Urlaub. Fährt zu Dr. Betz, den sie in den Internetforen, die er besuchte, makemetaller.org, limblengthening.org, King Betz nennen, Betzi oder den Besten, den es gibt auf der Welt. Es ist Ende November 2015. Kalt und grau. Marcel D. sitzt im Auto, das Radio läuft, Musik, Nachrichten, Musik, vier Stunden Fahrt, A 81, A 8, A 65, asphaltierte Monotonie. Als er ankommt, Diakonieklinikum, achtgeschossig am Rande von Neunkirchen, schlichte Stadt im Osten des Saarlandes, fühlt er Erleichterung. 

Er nimmt die Treppe, schlank und trainiert schon immer, bis hinauf in den fünften Stock, den Dr. Betz angemietet hat für seine Räumlichkeiten. Auf der Eingangstür aus Glas in weisser Schrift und Grossbuchstaben: BETZ INSTITUTE. REACH NEW HEIGHTS. Wohin sie kommen aus der ganzen Welt. Zu drei Vierteln Männer, die alle derselbe Wunsch eint: grösser zu werden. Weil sie sich zu klein fühlen, um glücklich zu sein oder zumindest zufrieden. Zu klein, um erfolgreich zu sein oder für den Erfolg respektiert zu werden. Zu klein, um Beschützer zu sein. Weil sie genau die richtige Grösse haben, um übersehen zu werden. Oder alles zusammen. Die meisten Männer, die Dr. Betz aufsuchen, sind zwischen 1,58 und 1,74 Meter gross.

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