Admir

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«Wärst du doch nur gefallen», sagt die Mutter.

Sabine Riedel

Und da sitzt wieder eine Frau, die ihn retten will. Grosse Augen, die noch staunen können. Besteht darauf, ihm ein Bier zu spendieren. Seine Geschichte zu hören. Unruhig auf ihrem Barhocker hin- und herschwankend, als könnte sie es nicht abwarten, ihre Mission zu starten. Alle Frauen, die er traf, seitdem der Krieg zu Ende ist, wollten ihn retten. Fuhren mit ihrer Hand über seinen Hinterkopf, über das Stoppelhaar, das den Elan ihrer Hand abbremste, die in seinem Nacken für einen Moment zur Ruhe kam. (Nicht, dass ihm das nicht gefallen hätte.) Sie waren Fremde, «internationals», Amerikanerinnen mit diesem Basslachen, Holländerinnen mit seegrauen Augen, Deutsche mit diesem Kernseifenduft. Leuchtende Augen. Alles war für sie Folklore, die Granatrosetten im Strassenpflaster, die Einschusslöcher an den Hauswänden, das rostige Wasser aus den Wasserhähnen. Sie waren optimistisch bis zur Unerträglichkeit, diese Frauen, erfüllt von diesem Pfadfinderglauben. Wohl zu viel «American spirit» inhaliert. «I have a dream.» Er könnte ihnen von seinen Träumen erzählen. Keine süssen Martin Luther King-Träume. Sie kommen in sein Land, noch immer, auch wenn nicht mehr so zahlreich, sie wollen Gutes tun und vor allem: Sie wollen an ihre Mission glauben und mit einem unversehrten Glauben nach Hause fliegen. Und so stürzen sie sich auf ihn. Sie werden ihm ein Bier spendieren, und ihre Hand wird in seinem Nacken ruhen. 

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