Amerikas Megabeben

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Das nächste Erdbeben in den USA wird das grösste. Die Frage ist nur wann.

Kathryn Schulz

Als 2011 ein Erdbeben und ein Tsunami das japanische Tohoku heimsuchten, befand sich Chris Goldfinger 200 Kilometer entfernt auf einer internationalen Tagung für Seismologen. In Kashiwa bebte plötzlich der Boden, und alle fingen an zu lachen. An Erdbeben ist man in Japan gewohnt – es war in dieser Woche bereits das dritte –, und schliesslich nahmen sie gerade an einer Seismologie-Konferenz teil. Dann schauten alle Anwesenden auf die Uhr.

Seismologen wissen, dass man aus der Dauer eines Bebens recht genau seine Stärke ableiten kann. Das Erdbeben im kalifornischen Loma Prieta im Jahr 1989, bei dem 63 Menschen starben und ein Schaden von 6 Milliarden Dollar verursacht wurde, dauerte ungefähr 15 Sekunden und hatte eine Stärke von 6,9 auf der Richter-Skala. Ein 30 Sekunden andauerndes Beben hat normalerweise eine Stärke um die 7,5. Ein einminütiges Erdbeben geht auf die 8 zu, nach 2 Minuten wird die Stärke 8 überschritten, und ein dreiminütiges Beben nähert sich der Stärke 9. Nach 4 Minuten ist die 9,0 erreicht.

Als Goldfinger auf die Uhr sah, war es Viertel vor drei, und die Konferenz war für diesen Tag fast beendet. In Gedanken war er schon beim Sushi. Der Redner hinterm Pult überlegte, ob er seinen Vortrag fortsetzen sollte. Immerhin war das Beben nicht besonders stark. Dann aber überschritt es die 60-Sekunden-Marke und war damit länger als alle vorherigen in dieser Woche. Die Erschütterungen wurden heftiger. Im Konferenzraum standen kleine Plastiktische mit Rollen an den Füssen. Goldfinger, gross und kräftig gebaut, dachte sich: «Auf keinen Fall krieche ich unter eins dieser Dinger.» Nach eineinhalb Minuten standen alle im Raum auf und gingen ins Freie.

Es war März. Die Luft war frostig, und dicke Schneeflocken trieben darin. Nur auf dem Boden lag kein Schnee. Ja, nicht einmal der Boden schien fest. Die Erde ruckte, zuckte und zitterte. Als würde man mit einem Wagen ohne Stossdämpfer über felsiges Gelände holpern, dachte Goldfinger, nur dass auch noch der Fels unter dem Wagen auf einem Floss inmitten einer wütenden See schwimmt. Das Beben überschritt die Zwei-Minuten-Marke. Die Bäume, an denen noch Blätter vom letzten Herbst hingen, gaben ein befremdliches Rascheln von sich. Der Fahnenmast auf dem Gebäude, das Goldfinger und seine Kollegen soeben verlassen hatten, schwang in einem 40-Grad-Winkel hin und her. Der Bau selbst war seismisch isoliert, eine erdbebensichere Konstruktion, bei der das Gebäude nicht direkt auf dem Untergrund, sondern auf beweglichen Lagern steht. Goldfinger wankte hinüber, um es sich näher anzusehen. Der Boden wankte mit, 30 Zentimeter vor und zurück, bis sich ein Graben durch den Hof zog. Goldfinger überlegte es sich anders und wankte zurück. Er sah auf die Uhr, das Beben überschritt die Drei-­Minuten-Marke. Und es hörte nicht auf.

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