Angst vor dem Gold

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Wer will Gold? Alle! Wer will eine zerstörte Natur? Keiner! Ein Dorf muss sich entscheiden.

Christian Schmidt

Zwei Stimmen. Das ist so zufällig wie die Sache mit dem Schmetterling: Sitzt er ruhig, bleibt das Wetter, wie es ist. Schlägt er mit den Flügeln, braut sich ein Orkan zusammen. Zwei lächerliche Stimmen. Die beiden Aussteiger hätten es in der Hand gehabt. Weshalb also sind sie nicht gekommen? Eveline und Dominik, hoch über Curaglia leben sie, in einer Jurte wie die Nomaden Kirgistans, weiss leuchtend inmitten tausender gelber Löwenzahnkronen. Geissen-Trekking machen sie, für Unterländer, so weit weg vom Lärm der Welt wie möglich. Aber eben, sie sind nicht ins Tal gestiegen an diesem Abend, nach Curaglia. Wären sie erschienen, so resümieren die Verlierer zwei Wochen nach der Abstimmung, dann wäre alles anders. Weil die beiden mit ihnen gestimmt hätten, da sind sie sich sicher, fast sicher jedenfalls. 15 zu 15 hätte das Resultat dann gelautet, ein Patt, und das Traktandum wäre bis auf weiteres vom Tisch gewesen, oder der Gemeindepräsident hätte es ganz fallenlassen; denn ein drittes Mal, das hatte er gesagt, würde er die Sache nicht aufs Tapet bringen. Auch wenn er selbst noch so dafür ist; schliesslich geht es um nichts Geringeres als die Zukunft des Tals. Aber Eveline und Dominik haben gefehlt. Und so endete die Abstimmung 15 zu 13. Das ist das Ende, sagen die einen. Das ist der Anfang, sagen die anderen.

Curaglia eingangs des Val Medel am Lukmanier, was übrigens von Lucus Magnus stammt und Grosser Hain bedeutet; und Medel kommt von Metallum, Metall, weil hier bereits im Mittelalter Silber und andere Erze abgebaut wurden. Der Hausberg von Curaglia, der Piz Muraun, zerschneidet als dunkle Silhouette den Nachthimmel, ein Kegel, perfekt geformt wie von Kinderhand im Sandkasten, mattweiss schimmernd der letzte Schnee. Es ist der 24. April 2014, zehn vor acht abends. Zu Füssen dieses Berges, konkret vor dem Kindergarten Curaglias, stehen etwas mehr als dreissig Menschen. Dreiunddreissig sind es genau, werden die Stimmenzähler feststellen, wobei, wird einer der Gegner nach der Abstimmung in den Raum fragen: Haben die beiden richtig gezählt? Und warum haben ausgerechnet diese gezählt, wo sie doch bekanntermassen die Meinung des Präsidenten vertreten?
Die dreiunddreissig warten auf den Beginn der Gemeindeversammlung. Sie warten in zwei Gruppen, fast so sauber getrennt wie die Hälften eines Käselaibs. Sie schwatzen untereinander, aber nicht miteinander, ja sie stehen so, dass man sich nicht zwingend begrüssen muss. Als sei man in dieser Bergnachteinsamkeit, von der man nie weiss, ob sie sich je wieder verflüchtigen wird, nicht auf Zusammenhalt angewiesen. Weshalb die dreiunddreissig Menschen so stehen, kann man nur nachvollziehen, wenn man Folgendes weiss: Am Himmel über diesen Menschen kollidierten einst sterbende Sterne, ein paar Milliarden Jahre nach dem Urknall. Dabei entstanden neue chemische Elemente. Von der Wucht der Kollision als Staub ins All zurückgeschleudert, ballten diese Elemente sich mit anderen Elementen zusammen und bildeten schliesslich Planeten, unter anderem die Erde und somit auch den Piz Muraun. Unter diesen neuen Elementen befanden sich solche mit 79 Protonen und 79 Elektronen. Das heisst, die Atome dieses Elements haben eine vergleichsweise grosse Masse, weshalb sie gemäss Periodensystem der Elemente zu den Metallen gezählt werden. Zudem rotieren ihre Elektronen nahezu mit Lichtgeschwindigkeit um den Kern, mit der Konsequenz, dass die Atome blaues Licht verschlucken und deshalb für das menschliche Auge entsprechend in der Komplementärfarbe leuchten: gelb. Genauer goldgelb. Ohne diese in früher Urzeit entstandene Kombination von Masse und Farbe würden die dreiunddreissig Stimmbürger nun zu Hause sitzen. Sie würden vielleicht Capuns essen und dazu auf SRF 1 «Missbraucht im Namen Gottes» schauen, oder sie würden im Stall das verstossene Lamm schöppeln. Aber da bei der Entstehung der Erde besonders viele dieser Goldatome im Innern des Piz Muraun landeten, ist alles komplizierter. Ein Kilogramm des goldgelben Elements kostet heute 40 000 Schweizer Franken.

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