Apollo 11

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Die historische Reportage

Norman Mailer

Auch entschloss er sich, an diesem Morgen, zwei Stunden vor dem Start der Mondrakete, nicht noch einmal in einen Bus zu steigen – um Gottes willen nur kein Bus mehr heute – und hinüber zur ande­ren Seite des riesigen Montagegebäudes, des VAB, zu fahren, wo die VIPs, die Very Important Persons, die Honoratioren also, auf ihrer Tribüne sassen. Er weiss natürlich, dass sich dort eine recht stattliche Versammlung eingefunden hat – immerhin zweihundert Kongress­abgeordnete, dazu Mr. Sargent Shriver, Mr. und Mrs. James E. Webb, William W. Scranton, der Komiker Jack Benny, Kardinal Cooke, Patrick Moynihan, Johnny Carson, Gianni Agnelli, Senator Javits, Leon Schacter von der Vereinigten Fleischindustrie- und Metzgergewerkschaft, Prinz Napoleon aus Paris, einhundert aus­ländische Minister, Attachés und Militärluftfahrt-Experten, zweihundertfünfundsiebzig führende Vertreter von Handel und Indu­strie, Vizepräsident Agnew, Ladybird und Ex-Präsident Lyndon B. Johnson, und dazu Barry Goldwater in Slacks und rotem Golf­hemd. Die beiden letzteren werden sich vor den Kameras der Repor­ter die Hand geben, noch ehe der heutige Tag vorüber ist – der Welt­raum, so wird sich herausstellen, ist für sie beide gross genug und hat sie wieder vereint. Bei Aquarius(1) hat sich zwar die Stimme der Pflicht gemeldet – er müsste ja eigentlich auch dort sein, die Vertreter der Öffentlichkeit studieren, ihren Gesichtsausdruck erforschen, Be­trachtungen über den Anteil anstellen, der ihnen an vergangener Geschichtsschreibung zusteht, und über denjenigen, der ihnen am heute zu schreibenden neuen Kapitel gebührt –, aber seine Leber lässt das einfach nicht zu. Er ist hergekommen, um eine Rakete auf­steigen zu sehen, und nicht, um Very Important People anzustaunen und Sätze in ein Notizbuch zu kritzeln, während ihm in der Sonne der Schweiss herunterlief. Nein, irgend etwas in seinem tiefinneren Wunsch, in der Nähe der Rakete zu bleiben, über die Tatsache ihrer Existenz nachzudenken, während sie aufstieg, dazu ein gewisses Gefühl der inneren Unabhängigkeit, und ohne Zweifel auch Eitel­keit – er weiss genau, wie verschmuddelt er sich im Augenblick nicht nur fühlt, sondern auch ist – veranlassen ihn jetzt, lieber in seiner eigenen Gesellschaft der verschwitzten literarischen Tagelöhner zu bleiben, also bei den Journalisten und Fotografen, die sich wieder auf den Bänken der Tribüne und auf dem schmalen Stück Land da­vor am Rand der Lagune gegenüber dem Startplatz von Apollo II versammelt haben. Ausserdem mag er die VIPs nicht, er kann die meisten von ihnen Mann für Mann nicht ausstehen und hat noch weniger Sympathien für sie als Verein, als Mafia der Berühmtheit und hierarchischem Bienenstock. Noch ist er Manichäer genug, um davon überzeugt zu sein, dass ein perfekter Start der Saturn V heute morgen ganz bestimmt nicht das Verdienst der Ehrengäste sein wird. Nein, dort auf der Ehrentribüne hatten sich weltbekannte Clowns, Liebesdienerinnen und Speichellecker mit einigen der ehr­geizigsten und einigen der wirklich übelsten Menschen dieser Erde zusammengefunden. Wenn diese Zusammenballung von Gier, Schuld, Bösartigkeit und bewusst für eigene Zwecke gehorteter, woanders abgezogener psychischer Kraft die Saturn V nicht von ihrem Kurs abbringen konnte, dann musste das Böse wirklich einen schlechten Tag haben. Oder war es umgekehrt, dass die personifi­zierte Bösartigkeit sich heute hier zusammenfand, um den wahr­haft Bösen einen guten Flug zu wünschen? Es schien ganz gleich, wohin sich die Gedanken des Reporters heute flüchteten – überall stiessen sie auf fruchtlose Fragen ohne Antwort. Aquarius stellte fest, dass er durstig war.

 

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