Bauland

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Ein Franzose macht in Berg Karabach aus Ruinen einen Staat.

Andreas Schneitter

Armen, rief ihm der Bürgermeister der Stadt auf dem Felsen zu, Armen, was willst du hier, das ist kein Ort für dich. Aber Armen stieg aus dem Wagen, es war später Herbst, kalt und feucht, und auf dem Felsen lag Schnee, und an der Kreuzung, wo sich die Strassen Aram Manukyan und Ghazanachetsots schneiden, schaute er hoch zum vierten Stock. Ein sowjetisches Mehrfamilienhaus, 1963 erbaut, vom Krieg zerstört, danach geplündert, seit zehn Jahren leer. Armen und der Bürgermeister stiegen die Treppe hoch, grauer Beton unter schwarzen Russflecken, acht mal zwölf bröckelnde Stufen ohne Licht und kein Geländer, und oben wehte der Wind durch die Löcher in den Wänden rein und wieder raus. Löcher, die früher Fenster fassten. So hoch, sagt Armen und bückt sich, bis seine Hand unter sein Knie reicht, so hoch lag der Abfall. Der Bürgermeister war fassungslos und schüttelte den Kopf, aber Armen, Sohn eines Arztes und Student ohne Abschluss, der bis dahin noch nie selbst eine Glühbirne eingeschraubt hatte, war zufrieden und sagte, das sieht nach einer guten Wohnung aus, ich nehme sie.

Am 26. Oktober 2004 schnürte Armen, 26, Franzose aus Marseille, sein Leben in zwei Dutzend Paketen zusammen, die er in einem Container in die Stadt auf dem Felsen hochkarrte, und zog nach Shushi. In die Stadt, die aus wenig mehr als Ruinen und Gestrüpp besteht, aber die ihn so sehr in ihren Bann geschlagen hatte, dass er sie seinem Namen einverleibte. Armen de Shoushi. Ein Name, der ihn adeln soll, ein Name, in dem Mensch und Scholle zusammengewachsen sind. Der Armenier aus Shushi, Republik Nagorny Karabach, besser bekannt als Berg Karabach, Südkaukasus, knapp 150 000 Einwohner. Umstrittenes Land.

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