Boomers 1964

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Die Historische Reportage der #18 über die Brückenbauer von New York.

Gay Talese

Sie fahren mit dicken Autos in die Stadt, schlafen in möblierten Zimmern. Sie bestellen Bier zum Whiskey, und sie stellen Frauen nach, die sie bald wieder vergessen haben. Sie bleiben immer nur kurze Zeit an einem Ort, gerade so lange, bis sie die Brücke gebaut haben, dann geht es weiter in die nächste Stadt, zur nächsten Brücke, wo sie wieder alles Mögliche zusammenfügen – ausser ihr eigenes Leben. Im Gegensatz zu ihren Brücken sind sie nicht fest im Boden verankert. Sie sind eine Mischung aus Zirkusartisten und Nomaden – leichtfüssig in der Höhe, doch am Boden ruhelos; beinahe so, als hätten sie auf der schier endlosen Strasse unter ihnen einfach nicht so viel Bodenhaftung und Gleichgewicht wie auf einem zwanzig Zentimeter breiten Stahlträger, der 300 Meter über dem Meer in der Luft zu schweben scheint.

Wenn es keine Brücken zu bauen gibt, arbeiten sie auf Wolkenkratzern, Highways und Staudämmen oder irgendetwas anderem, wo der ganze Mann gefordert ist und Überstundenzuschläge winken. Kein Ort, der nicht infrage käme für sie, und wenn sie dafür 1000 Meilen in vierundzwanzig Stunden fahren müssen – auch gut. Hauptsache, sie sind rechtzeitig da, wenn irgendwo ein neuer Bauboom ausbricht. Boom-Städte üben eine magische Anziehungskraft auf sie aus, deswegen nennt man sie auch Boomer.

Boomer sind meist gross, und immer kräftig. Ihre Gesichter und Hände sind gerötet von Sonne und Wind. Manche von ihnen, deren Aufgabe es ist, Nieten und Bolzen zu erhitzen, haben eine Haut, die aussieht wie angekokelt. Einige ihrer Kollegen, die die Bolzen in den Stahl treiben, sind schwerhörig, und diejenigen, die die glühenden Bolzen in kleinen Metalltrichtern auffangen, haben Blasen und Brandnarben am ganzen Körper als Erinnerung an die Male, wo sie daneben gegriffen haben. Manche von den Schweissern haben auch nachts im Schlaf noch leuchtende Blitze vor Augen. Die Schienbeine derjenigen, die die Stahlträger zusammenfügen, sind zerfurcht von tiefen Narben, die sie sich zugezogen haben, wenn sie an Pfeilern und Masten entlangrobben. Viele Boomer haben verstümmelte Hände oder haben Finger durch abgerutschte oder ausser Kontrolle geratene Stahlträger verloren. Die meisten sind schon einmal abgestürzt und haben sich ein oder zwei Gliedmassen gebrochen. Alle haben dem Tod schon mal ins Auge geblickt.Sie sind stolz auf das, was sie tun, und sie reden gerne darüber. Abends tönen sie in Bars herum und bauen ganze Brücken noch einmal, und manchmal, wenn sie sich auf den Nachhauseweg machen, ruft der Barmann ihnen hinterher: «He, Jungs, jetzt schleppt mal das ganze Stahlgerümpel raus!»

Sie üben eine gewisse Anziehungskraft auf Frauen mit lockeren Moralvorstellungen aus, die sich wiederum zu ihnen hingezogen fühlen, weil sie Geld haben und ihre Ehefrauen, wenn sie welche haben, weit weg sind. Von der Zuneigung jener Damen zeugte ein schwimmendes Bordell unter einer der Brücken in St. Louis oder die Tatsache, dass im Rotlichtbezirk von Paducah umgedrehte Bauhelme als Blumentöpfe dienten. An den Wochenenden fahren manche der Boomer hunderte von Kilometern zu ihren Familien, wo sie sich gesittet und tolerant benehmen und sämtliche Anspielungen auf ihr wildes Junggesellendasein auf der Baustelle weit von sich weisen, ausser wenn sie manchmal mit einer Mischung aus Stolz und Scham im Flüsterton davon sprechen, immer in der Angst, dass ihre Frauen etwas davon mitbekommen könnten und dadurch der Anschein eines geregelten Ehelebens vernichtet werden könnte. Wie die meisten Männer würde auch der Boomer gern auf allen Hochzeiten tanzen. Manchmal kommt es vor, dass seine Familie ihm nachreist und in kleinen Hotels oder Wohnwagensiedlungen unterkommt, aber eigentlich ist das kein Leben für Frauen und Kinder.

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