Cowboys im Visier

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Viele erhielten den Traumjob auf der Farm. Aber nur einer kann noch davon erzählen.

Claas Relotius

Scott Davis, 48 
arbeitsloser Landschaftsgärtner

Als Scott Davis am 9. Oktober 2011 das Stelleninserat im Internet entdeckte, konnte man ihn nicht gerade als einen Mann bezeichnen, der mit beiden Beinen mitten im Leben stand. Geradewegs auf die 50 zugehend, wollte er eigentlich längst seinen eigenen Betrieb führen und eine grosse Familie haben, mindestens drei Kinder und ein kleines Haus, in dem man alt werden konnte. So war es geplant. Stattdessen aber sah er sich nun einem Haufen Schulden gegenüber, er hatte seine Arbeit als Landschaftsgärtner verloren und eine Ex-Freundin, die nach sieben Jahren Beziehung zu einem anderen Kerl gezogen war. Davis war einsam, ungebunden, verzweifelt – und all das machte ihn zum perfekten Mann für diesen Job: 

Farmwärter gesucht. Nur auf 172 Hektar hügeliges Farmland aufpassen und ein paar Kühe füttern. Du bekommst 300 Dollar die Woche und dazu einen Trailer mit Schlafmöglichkeit. Ältere und alleinstehende Personen bevorzugt. Umzug zwingend notwendig. Du solltest keine Vorstrafen haben und vertrauenswürdig sein. Dies ist eine dauerhafte Stelle. Die Farm wird hauptsächlich als Jagdgebiet genutzt, ist voller Wild, aber auch ein paar Rinder werden dort gehalten. Nächster Nachbar wohnt eine Meile entfernt, der Platz ist abgeschieden und schön, Job deines Lebens! Wenn du bereit bist, dafür umzuziehen, melde dich, so schnell es geht. Die Stelle bleibt nicht offen.

Eigentlich konnte Davis, 48, ein kauziger Typ mit langen Haaren und Schnauzbart, der seit dem Verlust seines Jobs sehr zurückgezogen lebte und den seine wenigen flüchtigen Bekannten als «irgendwie aus der Zeit gefallen» beschreiben, dem Surfen im Internet nie viel abgewinnen. Ein ehemaliger Handwerkerkollege aber hatte ihn auf die Online-Jobbörse Craigslist aufmerksam gemacht, und tatsächlich klang jenes Angebot, auf das er bei seiner Suche dort als erstes stiess, so verlockend, dass er dem Anbieter, der sich «Jack» nannte, noch in der gleichen Nacht eine E-Mail schickte. Davis schrieb, der Job klinge phantastisch. Die Abgeschiedenheit mache ihm nichts aus, im Gegenteil, er liebe es, allein in der Natur zu sein. Zudem sei er ein sehr geschickter Handwerker, falls es hier und da auf der Farm etwas zu reparieren gäbe. Und auch das mit dem Umzug würde kein Problem sein. Zwar wohne er derzeit noch in South Carolina, aber er könne das meiste Zeug, das er besitze, darunter auch eine Harley-Davidson, in einem Trailer verstauen und damit schon bald nach Ohio kommen. 

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