Das Biest spielt mit

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Süchtig nach dem Glück: Unser Autor zockte jahrelang im Kasino.

Anonymus

Die Frau hinter dem Panzerglas sucht mein Gesicht nach Selbstmordgedanken ab. Ich bin 29 und denke überhaupt nicht daran, es bei diesem Alter zu belassen. Im Gegenteil. Ich stehe mit einem lebensbejahenden, vielleicht etwas krummen Erleichterungslächeln vor ihr. Am Schalter der Spielbank. Freiwillig um das Formular zur Selbstsperre bittend. Ich glaube, die Kasino-Angestellte heisst Dolores. Seit fünfzehn Jahren sehe ich sie hier arbeiten, während ich Geld verspiele. In den ersten Jahren war sie schön. Danach ergraute sie inmitten der ewig blinkenden Lämpchen. Erst als Dolores keinen Hang zum Strick an mir feststellt, händigt sie das Formular aus, denn in der Regel äussern vor allem suizidgefährdete Zocker, die gerade alles verspielt haben, diese Art von Notruf. Sie erklärt, dass ich für ein Jahr bundesweit Spielverbot habe und nach Ablauf dieser Frist, falls ich dann wieder einsteigen möchte, einen weiteren Antrag stellen muss. Und diesem ein ärztliches Gutachten beifügen, das bezeugt, dass ich mich nicht selbst durch Glücksspiel gefährde. Ich zögere kurz, bevor ich unterschreibe. Schaue noch einmal zu den Roulettetischen, spüre dem Biest nach, betrachte wieder die verwelkte Schattenfrau an der Kasse, werfe einen weiteren Blick zu den Tischen. Unterzeichne und verschwinde. 

Fünfzehn Jahre zuvor. Eduard und ich wollen ins Kino. Irgendwas mit Bruce Willis gegen alle, Faust schlägt Hubschrauber. Ich bin vierzehn, Eduard ein Jahr älter. Und mindestens zwei Jahre schlauer als ich. Er hat nicht mal Angst vor schlechten Noten und Herrn Anders, unserem fiesen Schuldirektor. Bis der Film beginnt, ist es noch eine Stunde. Wir tingeln durch die Innenstadt und wissen nicht recht, wohin mit uns und unserer Zeit. Zeit, die noch kein Geld ist, Spielgeld höchstens. Ich weiss nicht mehr, wessen Vorschlag es war, ins Kasino gegenüber vom Eiscafé zu gehen. Ebenso wenig, weshalb sich keiner der Angestellten daran störte, dass wir mit unseren Kinderhänden einen Einsatz am Roulettetisch abgaben. Damals verzichtete die Spielbank auf Personenkontrollen am Eingang. Wie süss wir zwei ausgesehen haben müssen. Inmitten der abgehalfterten Dauerzocker mit ihrem Tabakatem und den ausgebrannten Augen. In ihre Höhle flattern Ed und ich wie zwei verirrte Glühwürmchen, die Seite an Seite darum bangen, ob sie ihre auf Rot gesetzten zehn Glühwürmchenmark jemals wiedersehen. Neunzehn, Rot, gewonnen! Aus zehn Glühwürmchenmark werden zwanzig Männermark. Eduard und ich avancieren zu unantastbaren Glücksrittern. Und fühlen uns wie Weltkönige, als wir den Rauch der vom Gewinn finanzierten Fünf-Mark-Zigarillos aus unseren Knirpslungen pusten. 

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