Das letzte Rendezvous

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Zwei Frauen lieben einen Mann. An seinem Sterbebett entsteht eine deutsch-französische Freundschaft.

Sabine Riedel

Hier sind wir wieder. Moumoune, la bonne und ich.

Wir haben unsere Plätze auf der Terrasse eingenommen, wir haben die Stühle so arrangiert, dass wir in den Garten sehen können. Wir sitzen nebeneinander, Moumoune und ich, la bonne sitzt ein wenig abseits von uns, hinter unserem Rücken.

Das späte Nachmittagslicht hat die Farbe von dunklem Bernstein. Alle Dinge scheinen zu zerfliessen in dieser Stunde, als wollten sie Teil werden dieses Lichts: die harten Kanten des Rasenrondells, die Kieswege, der Teich, in dem den Goldfischen schon längst der Atem ausgegangen ist, und weiter hinten: der Hain aus Eichen und Linden.

Wir schauen stumm auf den Garten. Ich habe Moumoune eine Decke auf die Knie gelegt und den Schal aus ziegelroter Mohairwolle um die Schultern.

Wir warten.

Die Sitze sind hart, der Metallrahmen drückt mich dort, wo ich meine Nieren vermute. Stühle aus Drahtgeflecht, die weisse Farbe ist an vielen Stellen abgeplatzt, sie stehen bei Sonne und Regen draussen, vermutlich selbst im Winter. Aber im Winter bin ich nie hier.

Dies ist das Haus der abwesenden Männer. Und seitdem die Männer fehlen, stehen die Gartenstühle bei Sonne und Regen draussen, und die Bespannung des grossen Sonnenschirms, die einmal weiss gewesen sein muss, ist von einem marmorierten Grau.

 

Einmal im Jahr komme ich in dieses Haus. Immer im Sommer, das ist seit neunzehn Jahren so. Manchmal, wenn es Nacht wird, steht die Frau, die ich Moumoune nennen darf, in meinem Zimmer, im knöchellangen Nachthemd. Sie streicht mir über den Kopf, legt mir die rechte Hand flüchtig an die Wange. A demain, ma petite.

Seit neunzehn Jahren bin ich ma petite, manchmal bin ich ma kokotte, und manchmal bin ich ma pauvre kokotte.

Ich bin damit einverstanden.

Ich komme aus dem Land, das sie ein Leben lang sich geweigert hat zu betreten.

Ich komme aus dem Land, das ihr etwas schuldig ist.

Ich bin die Frau aus dem Land hinter der Siegfried-Linie

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