Das Meer kommt näher

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Auf den Fidschi-Inseln lässt der ansteigende Meeresspiegel Dörfer versinken. Der Provinzbeamte Seka will die Bewohner vom Strand in die Berge umsiedeln.

Benjamin von Brackel

Am Morgen des 20. Februar 2016 kaufte Sekaia Malani – genannt Seka – in seiner Heimatstadt Savusavu einen Laib Brot. Er deckte sich für den Abend ein, an dem der Zyklon «Winston» die Küstenstadt auf der zweitgrössten Fidschi-Insel Vanua Levu erreichen sollte. So hatte er es im Radio gehört. Wie der 39-jährige Provinzbeamte mit dem Schnauzer und dem gedrungenen Körper wuselten hunderte andere Bewohner des 3000-Einwohner-Städtchens am Südpazifik an jenem verregneten Samstagmorgen noch in den Supermärkten und Bäckereien umher. Sie waren sorglos und fröhlich wie immer. Was sie zu dem Zeitpunkt nicht wussten: «Winston» sollte als erster Zyklon der höchsten Kategorie, der je auf Land getroffen war, in die Geschichte Fidschis eingehen. Manche Meteorologen sprechen gar vom stärksten je gemessenen tropischen Wirbelsturm in der südlichen Hemisphäre.

Auch in der Bäckerei lief das Radio. Seka konnte seinen Ohren nicht trauen, als er hörte, dass «Winston» viel früher als erwartet in Savusavu eintreffen und eine Sturmflut vor sich herschieben würde. Selbst er, der im Provinzbüro mit Klimaschutzprogrammen und Katastrophenschutz zu tun hatte, wurde von der Information überrumpelt.

Auf einmal tat es einen Schlag, als hätte jemand dem Gebäude einen Schubs gegeben. Seka stürzte mit dem Brot unter dem Arm nach draussen. Regen prasselte auf ihn ein. Ein kräftiger Wind drückte vom Meer und bog die Palmenkronen um, welche sich nur schemenhaft vor einer einzigen grossen grauen Wolke absetzten. Äste wirbelten umher, überall lagen sie auf der Strasse. Sekas erster Gedanke: Wie sollte er nach Hause kommen zu Frau und Tochter? Sein zweiter Gedanke: Was war mit den Dörfern, für die er zuständig war und die anders als Savusavu kaum befestigt und vorbereitet waren auf Stürme wie diesen? Dörfer wie das sechs Kilometer entfernte Küstendorf Nukubalavu, wo er in ein paar Wochen die Bewohner anleiten wollte, wie sie sich während eines Zyklons zu verhalten haben.

In Nukubalavu lag an jenem Morgen Lusiana Racani mit einer Grippe im Bett. Regen trommelte auf das Wellblechdach ihrer Hütte. Auch die 54-Jährige mit dem Kraushaar und dem stämmigen Körper hatte im Radio von «Winston» gehört, auch sie erwartete ihn erst für den Abend. Sie hatte zuvor schon Zyklone erlebt, keiner hatte ernsthaften Schaden in Nukubalavu angerichtet. Sie war ganz mit sich selbst und ihrem Fieber beschäftigt, obwohl schon Wind an der Holzhütte rüttelte und sie durch ihr Fenster die Regenwolken sah, die in ungeheurer Eile über den Himmel zogen. Racani konnte zu dem Zeitpunkt nicht ahnen, dass sie sich schon in wenigen Stunden nicht mehr sicher in ihrem Dorf fühlen würde und dass sie und die anderen 360 Bewohner es schliesslich aufgeben würden müssen.

Es gibt kaum einen Ort auf der Welt, wo sich der Klimawandel deutlicher zeigt als auf den Inseln im Südpazifik. Seit 1990 ist der Meeresspiegel bei Fidschi um 20 Zentimeter gestiegen. Das klingt nicht nach viel, bietet aber dem Meer genügend Angriffsfläche, um Ufermauern leichter zu überspülen, den Boden zu zerklüften und über die Jahre Dutzende Meter Sandstrand wegzufressen. Manchmal braucht es dafür sogar nur ein paar Stunden, dann, wenn ein Zyklon übers Ufer pflügt.

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