Der gejagte Kommissar

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Alexej ermittelt - bis er vor seinen kriminellen Kollegen fliehen muss.

Nik Afanasjew

Seine Tage glichen sich, schon zu lange, bis dieser eine kam, und den vergisst er nicht.

Alexej Kondraschenkow sitzt am 7. Februar 2014 vor dem Fernseher. In Sotschi werden mit einem feierlichen Feuerwerk die Olympischen Winterspiele eröffnet. Es ist ein Festtag für Russland. Doch etwas unterscheidet Kondraschenkow von vielen seiner Landsleute. Er verfolgt die Feier allein, in einem fremden Haus, in einem abgelegenen Dorf im Uralgebirge. Draussen, in verschneiter Dunkelheit, herrschen 25 Grad unter null.

Das Telefon klingelt. Kondraschenkow geht ran. Er erkennt die Stimme eines Mannes aus dem Dorf: «Ein Bulli ist vorgefahren, da sind so Typen drin, die …»

Kondraschenkow schmeisst den Hörer hin.

Er läuft zur Hintertür.

Schnappt sich seine Jacke.

Zieht Schuhe an. Irgendwelche Schuhe.

Er rennt raus.

Geradeaus, bloss nicht umdrehen. Er rennt in den Wald, in Dunkelheit und Kälte hinein, die töten können oder retten. Kondraschenkow bleibt nicht stehen.

Er kennt die Gegend, er hatte ja Zeit zuletzt, viel zu viel Zeit. Kondraschenkow weiss, dass er irgendwann eine Bahnstrecke erreichen müsste, die zur nächsten Stadt führt. Wie weit es ist, weiss er aber nur ungefähr. Zurück zum Haus kann er nicht. Wenn die Männer ihn kriegen, ist es zu Ende.

Im Wald ist es so dunkel, dass er nur wenige Meter Sicht hat. Die Gleise, er freut sich, als er die Gleise erreicht. Kondraschenkow marschiert.

Einige Tage darauf wird er auf einer Landkarte nachschauen und die Hände über seinem Kopf zusammenschlagen – er ist in dieser Nacht 40 Kilometer gelaufen. Doch in diesem Moment denkt er vor allem an seine Füsse. Die Schuhe, die er in dem fremden Haus eilig übergezogen hat, passen nicht. Sie sind auch unterschiedlich gross. Vor allem der linke drückt so sehr, dass Kondraschenkow seine Zehen kaum bewegen kann. Er darf seine Schuhe nicht ausziehen, sonst ist er erledigt.

Irgendwann, nach mehreren Stunden, herrscht in seinem Kopf völlige Leere. «Wo bin ich? Wer bin ich? Da war einfach nichts mehr», erinnert er sich später an diese Nacht.

Kondraschenkow läuft. Wenn er sich hinsetzt, erfriert er. Also läuft er. Weiter und weiter.

Morgens erreicht er die ersehnte Kleinstadt. Er taumelt die letzten Meter an den Gleisen entlang, steht am Bahnhof. Der Bahnhofwärter schaut den Mann, der dreckig und durchgefroren aus dem kalten Nichts gekommen ist, missmutig an. Er sieht in ihm wohl einen Obdachlosen. Kondraschenkow spürt plötzlich wieder Energie in sich aufsteigen, in Form von Wut. Er brüllt den Wärter an: «Für wen hältst du mich? He? Für wen hältst du mich verdammt nochmal?»

Kondraschenkow fragt sich danach, warum er den Wärter so angegangen ist. Er hätte auffliegen können. Er hätte schweigen sollen, statt zu brüllen, doch er konnte nicht anders. Vielleicht ist die Meinung anderer jemandem umso wichtiger, der selbst gerade nicht mehr weiss, wer er ist.

Acht Zehennägel müssen Kondraschenkow nach diesem Marsch gezogen werden. Er hat ihn wahrscheinlich umsonst gemacht.

Seine späteren Nachforschungen haben gezeigt, dass die Männer im Bulli wohl nicht seinetwegen gekommen sind. So seltsam es auch ist, dass an einem Winterabend in einem Dorf am Ende der Strasse neben dem Haus eines Flüchtigen ein Bulli hält, der nicht seinetwegen kommt.

Alexej Kondraschenkow ist in dieser Nacht – und insgesamt zweieinhalb Jahre lang – vor der Polizei weggelaufen. Dabei ist Kondraschenkow selbst Polizist. Und er ist mein Bruder.

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Nik Afanasjew unterwegs: