Der Grosse Zucchini

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Warum die Kinder von Washingtons Elite dem Entertainer Eric Knaus zu Füssen liegen.

Gene Weingarten

Der Grosse Zucchini war, wie so oft, zu früh da und begann, wie üblich, Forderungen zu stellen. Ihm war zu warm, also sollte die Heizung heruntergeschraubt werden. So geschah es. Er befand das Familienzimmer im Untergeschoss als geeignet für seine Zwecke, aber da gab es ein Problem mit dem anstossenden Zimmer. Dagegen musste etwas unternommen werden. Die Aufregung um das Nebenzimmer war typisch für ihn, ein Sinnbild für das aussergewöhnliche Leben und Wirken des Grossen Zucchini, Washingtons Kinder-Entertainer Nr. 1. Die Hausbesitzer, Allison und Donald Cox Jr., sind Ende dreissig, haben zwei kleine Kinder – die fünfjährige Lauren und Donald III., Trey genannt, dessen dritter Geburtstag an diesem Tag gefeiert wird. Der grossgewachsene, attraktive Don ist Staatsanwalt. Die kleine, hübsche Allison ist Personalvermittlerin im IT-Bereich. Wie so manches erfolgreiche Doppelkarrierepaar, das erst etwas später eine Familie gründet, haben die Coxens genug Geld, um ihre Kinder mit materiellen Gütern zu überhäufen. Als sie ihr geräumiges Heim im Kolonialstil in Bethesda erwarben, war der Bereich neben dem Familienzimmer als Dons Arbeitszimmer vorgesehen. Aber schon bald verwandelte es sich in ein Spielzimmer – und füllte sich vom Boden bis zur Decke mit Kinderspielzeugen. Eine Schrankwand diente als Ablage für Puppen, Spiele und Action-Figuren, alle fein säuberlich aufgereiht und wie Erbstücke zur Schau gestellt. Der Boden ist übersät mit Spielzeug: Eine Frisierkommode für Mädchen steht neben einem hübsch gedeckten Teetischchen. Für Trey gibt es eine Tschutschu-Bahn zum Aufsitzen. Eine voll funktionstüchtige Hüpfburg füllt eine geräumige Ecke aus. In einer anderen Ecke hängt ein Fernseher.

Das Problem des Grossen Zucchini? Dieser Raum hat keine Türe. Sein ganzes verlockendes Innenleben ist vom Zimmer aus, in dem seine Show stattfindet, sichtbar, und der Grosse Zucchini duldet keine Ablenkungen. Deshalb bat er Allison, den offenen Durchgang mit einem Leintuch zuzuhängen, was Reissnagellöcher im Leintuch wie auch in den Wänden zur Folge hatte. Allison gehorchte brav. Eltern gehorchen fast immer brav. 
Als der Grosse Zucchini an diesem Samstagmorgen eintraf, hatte Don keine Ahnung, wer er war. Ehrlich gesagt sah er auf keine Weise grossartig aus. Der Grosse Zucchini sah aus wie ein Maler, fand Don, nicht ganz ohne Grund. Er trug kein Kostüm. Er kam in Malerhosen, einem Shirt mit Kaffeeflecken und trug einen Zweitagebart. Seine abgegriffenen Requisiten lagerten in alten, mit zerschlissenem Falschleder beklebten und kaputten Überseekoffern, deren rostige Scharniere lose herunterbaumelten. 

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