Der Kiez bröckelt

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Am Berliner Friedrichshain geraten sich Chaoten, Altlinke und Neureiche ins Gehege.

Sabine Riedel

Was Baumann nicht in den Sinn will: Warum die Kinder der Provinz nicht in der Provinz Häuser besetzen, in Mainz oder Freiburg oder wo auch immer sie zu Hause sind. Stattdessen kommen sie nach Berlin. Als wäre Berlin noch immer der Ort, an dem die Kinder der Kleinstädte ihre rebellische Phase am wirkungsvollsten in Szene setzen. Was der ehemalige DDR-Dissident und Hartz-IV-Bezieher Baumann nicht kapieren kann: Warum die verhätschelten Söhne und Töchter der Demokratie nachts auf Berliner Hausdächer steigen und in riesigen Lettern, die noch vom Kreuzberger Spreeufer sichtbaren Lettern «Deutschland verrecke» auf Dachziegel pinseln. 

An einem frühen Februarmorgen 2011 stürmte ein Sonderkommando der Polizei das Haus Liebigstrasse 14 im Berliner Bezirk Friedrichshain und nahm mehrere Personen fest. 2500 Polizisten waren an dem Einsatz beteiligt, der um 4.37 Uhr begann, als Schaulustige und Sympathisanten unter grossem Gejohle die ersten Beamten begrüssten, die auf den Dächern der Nachbarhäuser Scheinwerfer installierten, und nach Augenzeugenberichten um 14.15 Uhr endete, als das Objekt, im Szenejargon Liebig 14 genannt, an seinen Eigentümer übergeben wurde. Dass 25 Hundertschaften im Einsatz waren, um die gerichtlich erwirkten Räumungstitel eines einzelnen Berliner Bürgers gegen eine Handvoll Mieter durchzusetzen – diese Unverhältnismässigkeit umgab den Widerstand der hinausgeklagten Bewohner nachträglich mit der Aureole des Heroischen. Vielleicht wäre die Geschichte der Liebig 14 in der reichen Geschichte Berliner Hausbesetzungen nur eine unter «ferner liefen» geblieben, hätte sich die disziplinierende Hand der Staatsmacht nicht ausgerechnet gegen ein Hauskollektiv in Friedrichshain gerichtet – in diesem Reservat linker Alternativkultur, auf die dunkel der Schatten der Gentrifizierung fällt.

 

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