Der Mörder als Pfleger

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Was passiert mit dementen Häftlingen? Ein amerikanisches Gefängnis geht neue Wege.

Claas Relotius

Es begann schleichend. Die anderen merkten es erst gar nicht, er selbst vielleicht am allerwenigsten, und eines Tages schien er ein anderer Mensch zu sein. Zuerst legte er beim Pokern ab und an so seltsame Blätter oder machte beim Schachspiel so anfängerhafte Fehler, als folge er seinen ganz eigenen Regeln. Dann stellte er immer häufiger dieselben Fragen, nur um die Antworten darauf manchmal schon Augenblicke später wieder zu vergessen. Eines Abends kippte er im Speisesaal die Milch über sein Essen und bemerkte lächelnd, es sei allerhöchste Zeit, die Blumen nun endlich zu giessen. Und irgendwann wollten ihn die anderen Häftlinge sogar dabei beobachtet haben, wie er im Duschraum auf einem Stück Seife kaute, anstatt sich damit zu waschen.

Mittlerweile glaubt Ronald Montgomery, den alle nur siezen und Mr. Montgomery nennen, weil er selbst seinen eigenen Vornamen ver­gessen hat, in einem riesigen Vergnügungspark zu leben. Und nicht in der berüchtigten California Men's Colony, diesem von nichts als Bergen und Brachland umgebenen Hochsicherheitsknast nahe der kalifornischen Kleinstadt San Luis Obispo, in dem er, 74 Jahre alt, seit vier Jahrzehnten als einer der schlimmsten Gewaltverbrecher der Vereinigten Staaten von Amerika einsitzt.

Die kargen, schmalen Zellen hier sind für ihn bloss Warteräume, die finsteren, nach Linoleum riechenden Gefängnisflure erscheinen ihm wie ein unterirdisches Tunnellabyrinth, und Wärtern begegnet er meistens wie strengen Sicherheitsleuten, denen man ab und an ein Ticket vorzeigen muss. All das ergibt Sinn in seiner Welt. Nur die Karussells und Achterbahnen findet Montgomery nie. Dann wird er unruhig und weint und schreit so lange, bis die Männer in den dunkelgelben Hemden kommen, ihn wie einen kleinen Jungen in den Arm nehmen, ihm behutsam über den Rücken streichen und ihn beruhigen. Montgomery ist verrückt, sagen die anderen Häftlinge, und die meisten schütteln den Kopf oder lachen hämisch, wenn sie auf dem Weg in den Gefängnishof der Reihe nach in Handschellen an seiner Zelle vorbeimarschieren und dabei einen kurzen Blick auf den dürren Mann mit den schlohweissen Haaren werfen, der mit leerem Blick auf seiner Pritsche sitzt und wie besessen auf den ausgeschalteten Fernseher starrt.

Aber er ist nicht verrückt, er ist krank. Montgomery hat Alzheimer. Er ist einer von rund 160 000 Schwerverbrechern, die in US-amerikanischen Gefängnissen eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüssen. Und er ist einer der jährlich mehr werdenden Langzeithäftlinge, die hinter Gittern an Formen der Altersdemenz leiden.

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