Die blinden Schwäne

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Sie sehen nichts und spüren alles: Die Tänzerinnen eines ungewöhnlichen Balletts in São Paulo.

Florian Leu

Bevor Geyza Pereira die Bühne betritt, betet sie. Obwohl sie schon mehr als zweitausendmal aufgetreten ist, wirkt sie rastlos, nestelt an ihrem Krönchen, Schweiss und Glimmer im Gesicht. Die Kamera eines Back­stage-Fotografen klickt. Hinter dem Vorhang lärmt das Publikum.

Ihr Lehrer, César Albuquerque, legt eine Hand auf ihre Schulter. Pereira entspannt sich. Er rückt ihr das Krönchen zurecht, das er in einer Nachtschicht angefertigt hat. Hundertfünfzig Krönchen hat er gebastelt und zusammen mit seinem Freund die Kostüme geschneidert. Der Ballettkompanie fehlt das Geld.

Die Bühne des Oscar-Niemeyer-Auditoriums in São Paulo bebt. Dreihundert trippelnde Mädchenfüsse, ein Dutzend Männerfüsse, dazwischen der feste Schritt von Fernanda Bianchini, der Gründerin der Gruppe. Sie geht von Mädchen zu Mädchen und macht ihnen Mut. Pereira ist die einzige blinde Primaballerina der Welt. Sie betet erneut, nun zusammen mit ihrem Tanzpartner. Everton Josafhat ist einer von sechs Männern in der Kompanie, einer der wenigen, die sehen können und dazu da sind, die Tänzerinnen aufzufangen. Die Vorhänge gleiten auseinander, die Geräusche im Auditorium verhallen. Pereira und die anderen treten ins Scheinwerferlicht. Für die wenigen Tänzerinnen, die einen Rest Sehkraft haben, ist es, als würden sie durch Nebel tanzen. Alles weiss.

Die Assoçiação de Ballet para Cegos, eine Ballettkompanie für Blinde in São Paulo, gibt es seit zwanzig Jahren. Das Auditorium steht im Ibirapuerapark, wo es wimmelt von Rollschuhfahrern, Skateboardern, Capoeiristas: tanzende Menschen überall. Im Foyer des Auditoriums hatten die Gäste Gelegenheit, durch eine Ausstellung zu wandeln, einhundert Fotos der Tänzerinnen, alle in Schwarz-Weiss. Die Schulgründerin, Fernanda Bianchini, ist eine grosse, breitschultrige Frau, auf der Strasse würde man kaum eine Ballerina in ihr vermuten, eher eine Managerin. Sie ist achtunddreissig. In der Broschüre, die sie den Besuchern gab, konnten sie die Geschichte der Kompanie nachlesen. Mitte der neunziger Jahre hat Bianchini ihre erste Ballettstunde im Instituto de Cegos erteilt, einer katholischen Schule für Blinde. Sie hatte das Institut mit ihren Eltern besichtigt, eine Lehrerin hatte Bianchini im Plauderton gefragt, ob auch Blinde Ballett tanzen können. Sie hatte geantwortet, ohne lange nachzudenken: «Warum sollten sie es nicht können?»

 

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