Die Pistole denkt mit

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In Amerika sollen Smartguns dafür sorgen, dass weniger geschossen wird.

Juliane Schiemenz

Rabbi Joel Mosbacher, 45 Jahre, aus Mahwah, New Jersey, ein sanfter, friedliebender Mann mit dunkelbraunen, gütigen Augen und braunem, weichem Haar, mit feingliedrigen, zarten Händen, die in der Synagoge für die Kinder Gitarre spielen, Rabbi Joel Mosbacher, der nie eine Waffe in die Hand nehmen wollte, nachdem sein Vater 1999 in Chicago erschossen worden war – drückt den Abzug der Shotgun und feuert auf die Frau vor dem Supermarktregal.

Die Frau vor dem Supermarktregal klebt als lebensgrosses Foto auf einer Pappwand in der Schiessübungsanlage des Polizeipräsidiums von New Rochelle. New Rochelle ist eine amerikanische Durchschnittsstadt mit knapp 80  000 Einwohnern, etwa 30 Kilometer entfernt von New York. Das Polizeipräsidium ist ein nüchterner, orange-brauner Zweckbau, so unspektakulär wie New Rochelle selbst. Die Frau auf dem Foto steht zwischen Konservendosen und Waschmittelkartons. Sie hat eine Pistole gezückt und zielt auf den Betrachter. Eine völlig alltägliche Situation – so suggeriert es das Plakat: Jederzeit kann in jedem Supermarkt dieser Welt eine absolut harmlos aussehende Frau ihre Knarre aus der Einkaufstüte ziehen und dich erschiessen! Du hast also besser deine Shotgun dabei!

Als Joel Mosbacher abdrückt, wird die dicke Patronenhülse aus dem Gewehr gesprengt und in hohem Bogen in eine Ecke geschleudert. Joel trägt eine graue Bundfaltenhose, ein hellblaues Hemd und eine Krawatte mit einem Muster aus roten und braunen Tupfen, die wie Einschusslöcher aussehen, was Joel bestimmt nicht aufgefallen ist, als er die Krawatte heute Morgen ausgesucht hat. Auf seinem Kopf sitzt eine kleine gestrickte Kippa. Sein Oberkörper federt durch den Druck des Abschusses leicht zurück, Joel kneift reflexhaft die Augen zusammen, obwohl er eine Schutzbrille trägt und Ohrenschützer gegen den markerschütternden Knall.

Neben ihm steht Jonathan Mossberg, der Entwickler dieser Waffe, Markenname iGun. Hinter den beiden stehen etwa zehn Männer und Frauen, ebenfalls mit Schutzbrillen und Ohrenschützern ausgerüstet, durch ein gelbes Absperrband, auf dem «No Parking» steht, von ihnen getrennt. Jonathan Mossberg ist braungebrannt von kalifornischer Sonne, er trägt ein hellgelbes Polohemd, beige Stoffhosen und eine goldene Armbanduhr. Er sieht aus, als käme er grad vom Golfen. Mossberg bedeutet Joel und den anderen, die Ohrenschützer abzunehmen, dann beginnt er zu sprechen: «Und hier drin» – er hält einen silbernen Siegelring mit einem schwarzen Edelstein in die Luft – «ist der Chip, der mit der Waffe korrespondiert. Das heisst, die Waffe funktioniert nur in der Hand des Menschen, der diesen Ring trägt! Deshalb ist sie eine ‹Smartgun›, eine intelligente Waffe.»

Ein paar Frauen treten neugierig heran. «Nehmen Sie den Ring ruhig in die Hand! Probieren Sie ihn an!», ermuntert Mossberg die Betrachterinnen. Die Frauen machen «Oh!» und «Ah!» und streifen sich abwechselnd den Ring über die Finger. «Hach, den könnte man ja auch einfach so als Schmuckstück tragen, ganz ohne Waffe!», jauchzt eine ältere Zuschauerin verzückt. Sie wiegt den Klunker an ihrer Hand hin und her, der Stein schimmert im Licht. Die anderen Damen kichern. Die Männer werfen sich «Typisch Frau!»-Blicke zu. «Die Waffe muss immer sofort funktionieren, ich will da nicht erst eine PIN eingeben müssen», sagt Jonathan Mossberg. «Das ist wichtig für uns Gunguys, wie wir Waffenliebhaber uns nennen. Ich habe immer eine Waffe griffbereit an meinem Bett. Wenn ein Einbrecher in mein Haus kommt, muss ich sicher sein, dass ich direkt aufspringen, mein Gewehr schnappen und schiessen kann.» Einige Zuhörer nicken zaghaft, als sei das ein völlig nachvollziehbarer Wunsch. Joel sieht so aus, als grüble er noch, ob jemand mit einer Shotgun neben dem Kopfkissen einfach nur vorsichtig ist – oder komplett ballaballa.

Joel hat diese Waffenmesse organisiert. Weil er Waffen hasst. Er würde nichts lieber sehen als eine Welt ohne sie. Vor 16 Jahren wurde sein Vater Lester Mosbacher in Chicago erschossen, die Umstände wurden nie vollständig geklärt. Der Täter schoss mit einer Waffe, die nicht ihm gehörte. Joel hat so viele Tränen über diesen sinnlosen Tod geweint, darüber, dass seine beiden Söhne ohne den Grossvater aufwachsen müssen. Seit 16 Jahren wünscht er sich seinen Vater zurück. Jeden Tag.

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