Doktor Burt hat eine Idee

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Multiple Sklerose gilt als unheilbar. Eine neue Therapie gibt der Schülerin Taylor Hoffnung. 

Benjamin von Brackel

11. August 2015. Heute ist der Tag, der Taylor Lykins wieder eine Zukunft geben könnte. Sie trägt Sandalen. Eigentlich lässt die 19-Jährige keinen Anlass aus, um auf ihren Stöckelschuhen zu balancieren. Auf den hohen Absätzen fühlt sie sich trotz ihren 1 Meter 51 fast auf Augenhöhe mit ihren Freundinnen. Aber daran ist an diesem Tag nicht zu denken, als sie sich den Flur eines Chicagoer Krankenhauses entlangtastet. Den linken Arm hat sie bei ihrer Mutter untergehakt, den rechten zur Wand ausgestreckt, um sich mit Zeige- und Mittelfinger sanft daran abzustützen.

Am Ende des Flurs biegen sie in ein fensterloses Wartezimmer ein, wo zwei andere Patienten sitzen. Eine Frau starrt auf ihre Hände, ein Mann flüstert ins Telefon. Taylor setzt sich. Sie blickt mit ihrem Elfengesicht zum Aquarium, in dem sich die Fische wie in Zeitlupe bewegen, dann zum Fernseher, wo Nachrichten laufen, die sie nicht interessieren. Für sie zählt nur diese eine Frage: Wird Doktor Burt sie annehmen?

Eine Krankenschwester führt sie ins Sprechzimmer. Taylor blickt auf die Wandtafeln mit Abbildungen des menschlichen Gehirns. Darunter steht: Was ist multiple Sklerose und wie wirkt sie sich aus? Sie muss den Text nicht lesen, sie weiss das alles nur zu gut.

Auf einmal steht Doktor Burt vor ihr, der weisse Kittel umspannt seine kräftige Figur, seine graumelierten Haare trägt er im Pilzkopf-Schnitt. Für seine Fachkollegen ist dieser Mann ein Pionier, für seine Patienten ein Held. Manche nennen ihn einfach Gott. Richard Burt macht Lahme wieder gehen und Blinde wieder sehen. Selbst ein Mädchen, das im Koma lag, hat er ins Leben zurückgeholt. Eltern brechen in Tränen aus, dankbar, dass er ihr Kind gerettet hat. Andere verzweifeln und beschimpfen ihn, weil er sie nicht als Patienten aufnimmt.

Doktor Burt greift nach Taylors rechter Hand und legt sie in seine. Er schaut sie mit seinen blauen Augen an. Sie sei sehr tapfer, sagt er mit ruhiger, fester Stimme. Er rekapituliert ihre Krankengeschichte, den Befund der Kernspintomografie, die Blutwerte. Taylor muss aufstehen, den Zeigefinger zur Nase führen, die Hände wie zum Gebet zusammendrücken, die Augen schliessen, stehen bleiben. Fünf Minuten. Sie ist kurz davor umzukippen. Sie weiss, dass Burt nur Patienten im Frühstadium in seine Studie aufnimmt. In ihrem Kopf formt sich ein Gedanke: Es ist zu spät. Ich komme als Kandidatin nicht mehr infrage.

Doktor Burt lässt sich in den Stuhl zurückfallen und seufzt.

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