Ein Mann für die Tage

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Der Schlosser Muruga erfindet eine Damenbinden-Maschine – und ermöglicht Indiens Frauen neue Freiheiten.

Daniela Schröder

Der jüngere der beiden Männer wedelt mit einer Damenbinde, rechteckig, zwei Daumen dick. «Warum gibt es keine Maschine für Modelle mit Flügeln?», fragt er den Chef der Maschinenfirma. «Flügel sind Quatsch», sagt der Chef, nimmt dem jungen Mann die Binde aus der Hand und zieht langsam den Klebestreifen ab. «Hier, der Klebeteil geht über die ganze Rückseite, nichts kann verrutschen. Flügel sind total überflüssig.» Die beiden Männer gucken auf die Binde und schweigen. «Hm», macht der junge Mann. «Flügel brauchen wohl nur die Frauen im Westen. Wegen der Unterwäsche, die sie tragen. Strings und Tangas und so.»

Der Firmenchef lächelt. Er schraubt eine Wasserflasche auf, giesst Wasser in die Flaschenkappe, kippt es auf die Damenbinde. Dann eine zweite Kappe voll, eine dritte. Der junge Mann streicht über die Binde, drückt drauf, quetscht sie in der Hand. «Nicht schlecht», sagt er. «Die lässt tatsächlich nichts raus.» Der Firmenchef lächelt wieder und schiebt ihm ein Blatt Papier über den Tisch, einen Kaufvertrag für zwei Maschinen, jeweils 150 000 indische Rupien pro Stück, gut 2400 Franken, Lieferung und Maschinentraining inklusive. Lieferant: Jayaashree Industries, 57 K. N. G. Pudur Road, Somayampalayam, Coimbatore.

Coimbatore liegt im Süden Indiens, Gliedstaat Tamil Nadu. Eine Industriestadt mit offiziell zwei Millionen Einwohnern, berühmt für Baumwollfabriken, Textilfirmen, Wasserpumpen-Produzenten. Ausserdem berühmt wegen ihrer Hochschulen für Ingenieurwesen, einer Uni für Agrarwissenschaften, zig bedeutender Hindu-Tempel und eines alljährlichen Yoga-Festivals.

«K. N. G. Pudur Road?», fragen die Tuk-Tuk-Fahrer im Stadtzentrum von Coimbatore, machen grosse Augen, zucken mit den Schultern. Nie gehört, was soll da sein, wo ist das überhaupt? Wer zu Jayaashree Industries will, ruft vorher den Firmenchef an und gibt das Telefon dem Tuk-Tuk-Fahrer. Der steuert durch das Gewühl der Stadt, hinaus auf eine kilometerlange Strasse, irgendwann rumpelt das Tuk-Tuk über einen staubigen Feldweg, er endet vor Mauern und Eisentoren. Ein Tor steht offen, dahinter flache Schuppen, vor denen Männer alte rostige Maschinen zerlegen und andere Männer neue rostige Maschinen bauen. Ein Raum, gross wie eine Doppel-Autogarage, hellblaue Wände, hier und da bröckelt die Farbe. Entlang der Wände niedrige Regale voller Farbdosen, Werkzeugkisten, Metallkram, farbbekleckst, ölverschmiert, manches staubig. Hinten in einer Ecke sitzen der junge Mann und der Firmenchef an einem Tisch, darauf ein wuchtiger schwarzer Laptop, Papierstapel, Damenbinden, ein Smartphone.

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