Entfesselung im Ozean

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Seit fast 40 Jahren jagt Dr. Moore Wale – um sie aus Fangleinen zu befreien. Seine neue Methode verspricht Erfolg.

Sarah Schweitzer

«Dreissig Meter», rief Dr. Michael Moore.

Moore stemmte sich gegen den Stahlmast des Schlauchbootes, das sich in den wogenden Wellen vor Floridas Küste dem Wal näherte. Durch den Entfernungsmesser konnte Moore das Gewirr von Leinen sehen, die sich um das Tier wickelten. Unmöglich zu sagen, wo sie anfingen und endeten.

Doch eines wusste er: Sie schnitten in Baylas Körper ein. Sie hatte Schmerzen.

Am liebsten hätte er weggeschaut. Es war kaum zu ertragen. Bayla schoss eine V-förmige Dampffontäne in die Luft und verschwand dann wieder im Meer. Das Beobachtungsflugzeug meldete sich per Funk. Sie konnten Baylas Silhouette sehen, sie war nicht sehr tief getaucht.

«Noch etwas näher ran, wenn es geht», sagte er zum Bootsführer. Bald würde Bayla wieder auftauchen, um Luft zu holen. Das wäre dann sein Moment.

Seit fast dreissig Jahren beschäftigte sich Moore mit dem Atlantischen Nordkaper. Jeder Zentimeter ihrer Anatomie war ihm vertraut, jedes Detail ihrer eigentümlichen und eindrucksvollen Physiologie, die sie so kraftvoll machte und zugleich so völlig wehrlos.

Sie waren majestätisch und gefährdet, seine Liebe und sein Kummer. Er hatte geglaubt, sie retten zu können, doch im Laufe von dreissig Jahren hatte er allzu oft mit ansehen müssen, dass sie keine Chance hatten. Nur zwei gerettete Walweibchen pro Jahr würden eine Population stabilisieren, die einst zu Abertausenden die Siedler in der Neuen Welt begrüsst hatte, inzwischen aber auf nur vierhundertfünfzig Exemplare geschrumpft war.

Nachdem Moore die E-Mail erhalten hatte, war er trotz Schneesturm in Neuengland sofort losgefahren. Die Details waren brutal. Drei Wochen zuvor, an Weihnachten 2010, war Bayla vor der Küste von Florida gesichtet worden, mit einer Leine im Maul, die sich in einem Gewirr von Schlaufen um ihre Brustflossen legte und mit jeder Bewegung stärker einschnitt.

Die Leine war vermutlich aus Polypropylen, einem Kunststoff, der von Fischern in Neuengland wegen seiner grossen Widerstandsfähigkeit auf felsigem Meeresboden gern verwendet wird. Die Fettschicht (Blubber) von Walen bietet keinen Schutz. Bayla hatte überall am Körper offene Schnittwunden, als sei sie mit einem Käseschneider bearbeitet worden.

Ihr Rücken war besorgniserregend eingefallen, ein Zeichen von Entkräftung, nachdem sie womöglich monatelang diese Leine gezogen hatte, die mehr als das Zehnfache ihrer eigenen Körperlänge mass. Es war, als würde sie mit einem geöffneten Fallschirm schwimmen.

Biologen aus Florida und Georgia hatten versucht, die Leinen zu durchtrennen, aber Bayla hatte sie mit mächtigen Schwanzschlägen und schnellen Zickzackbewegungen abgeschüttelt. Tags darauf versuchten es die Biologen noch einmal, aber sie kamen nicht nahe genug heran. Bayla hatte sie abgeschüttelt wie ein wildes Rodeopferd.

Daraufhin riefen sie Moore.

Moore hatte sich eine Methode ausgedacht, wie man verstrickte Wale betäuben könnte, was ein Durchbruch für Walretter wäre. Der Mann, der auf dem Schlauchboot links neben ihm stand, hielt das Gerät, das Moore entwickelt hatte: ein Luftgewehr, in dem eine Injektionsspritze mit sechzig Kubikzentimetern eines Beruhigungsmittels steckte, das so stark war, dass es bei Menschen tödlich wirkte.

Bayla brachte es vermutlich auf sieben Tonnen, aber einen frei herumschwimmenden Wal kann man natürlich nicht wiegen. Wenn die Schätzung falsch war, würde Bayla wegen der Überdosis in einen Schlummer fallen und ertrinken.

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