Entzückende Torheit

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Seit einem halben Jahrhundert baut Justo Gallego Martínez eine Kathedrale aus Schutt und Schrott. Gott weiss warum.

Florian Leu

Justo Gallego Martínez baut seit fünfzig Jahren eine Kathedrale aus Schutt und Schrott. Er fing an, als in Berlin die Mauer hochgezogen wurde und Juri Gagarin die Welt vom All aus sah. Heute ist Gallego 86, aber noch immer steht er jeden Morgen um sieben Uhr auf und zieht seinen blauen Kittel an. Weil er oft friert, schlingt er sich auch im Sommer einen Schal um den Hals und setzt sich eine feuerrote Mütze auf den Kopf. Ein wenig sieht Gallego dann aus wie der einzige Mönch eines kuriosen Ordens.

Gallego ist der Erste, der an seiner Strasse aus dem Haus kommt, das am Rand von Mejorada del Campo steht. Das ist ein Dorf zwanzig Kilometer östlich von Madrid, gleich beim Flughafen. Es ist ein Samstag im September und Gallego fährt mit seinem Rad zur Kathedrale, welche die Leute im Dorf für eine der grossen und irren Leistungen des Jahrhunderts halten. Die Kirche ist fünfzig Meter lang, zwanzig breit, dreissig hoch, und am Ende soll sie zwei Dutzend Kuppeln und ebenso viele Türme haben. Aus der Nähe wirken die Wände, die keinen Verputz haben und aus Tausenden von Bruchstücken bestehen, wie Lego. Gallego hat auf der Suche nach Material immer wieder die Baustellen der Umgebung abgeklappert. Dabei hat er ein halbes Dutzend Autos ins Jenseits gefahren und Tonnen von Schutt zur Kathedrale gekarrt. Die Kirche schimmert rötlich, vor ihr liegt eine gelbe Treppe, die Fenster leuchten gelb und blau. Wer um das Gebäude herumspaziert, braucht drei Minuten, so gross ist das Gelände mit dem Hauptschiff, der Kapelle, dem Kreuzgang und der Sakristei. Die Kathedrale ist etwa so hoch wie die fünfstöckigen Wohnblocks, die um sie herum stehen und auf deren Balkonen die Satellitenschüsseln in den Himmel zeigen. Auf der Spitze der Kuppel glänzt ein Kreuz aus Metall, ebenfalls eingestellt auf Empfang.

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