Europa der Stämme

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Die Rockband Freiwild stürmt die deutschen Charts mit Songs gegen den Untergang des Abendlands.

Hannes Grassegger

Grade versinkt die Sonne hinter den scharfkantigen Gipfeln. Es wird kalt im Eisacktal. Da schiesst ein schmutziger schwarzer Jeep auf den Kreisverkehr zu, seine Reifen springen auf den Pflastersteinen. Am Kreisverkehr vor den Carabinieri bremst er scharf ab. Hier ist der Treffpunkt. Sonntag, 18 Uhr, am «Elephanten» in Brixen, gegenüber der Wache. Die Beifahrertür schwingt auf. Bevor ich einsteige, texte ich rasch das Nummernschild an meine Freundin. Nur zur Sicherheit. 

Seit über einem halben Jahr bin ich hinter Philipp Burger her. Dem Kopf der Deutschrockband Freiwild, eines der umstrittensten Phänomene der aktuellen deutschen Musikwelt. Südtiroler Dorfrocker, die es mit Texten über Volk, Heimat, Freundschaft, Liebe, Saufen und Schlägereien zu Millionen Youtube-Klicks und Goldenen Schallplatten gebracht haben. Von urbaner Intelligenzija fast unbemerkt – denn Freiwild und ihre Fans sind Aussenseiter mitten in der Gesellschaft. Die meisten Medien, Veranstalter und Plattenlabels drängen sie in die Nazi-­Ecke. Ich hatte eine andere These. Ich hielt Freiwild für eine Art Indianer. Und glaubte, bei ihnen etwas über den fortschreitenden Zerfall der Europäischen Gemeinschaft lernen zu können.

Anderthalb Jahre zuvor. Ein Fan-Video. Es ist dunkel, Fleisch an Fleisch im Publikum. Alle Spotlights auf die Band. In der ausverkauften Auricher Sparkassen-Arena, ganz oben in Ostfriesland, richtet Philipp Burger nach fast drei Stunden Rock noch mal ein letztes ernstes Wort an die versammelte verschwitzte, glückliche Fangemeinde, über 3000 Leute hören gebannt zu: «Ihr seid das geilste Publikum!» – «Yeahhhh», schreit die Menge. – «Lasst euch draussen von den Pappnasen, die da ganz bestimmt auch unterwegs sind», – «Scheisslinkeeeee», brüllt jemand von den Rängen – «von den Steineschmeissern, wo ja wirklich viele dabei sind bei so Autonomen, lasst euch da gar nicht provozieren, und lasst uns mit dem nächsten Song zeigen, worum’s im Leben manchmal wirklich gehen kann. Und ich denke, man kommt sehr, sehr weit im Leben, wenn man manchmal nachdenkt, bedacht handelt und sich auch nicht unterkriegen lässt. Aber vor allen Dingen eine Sache nicht vergisst: Sieger stehen da auf …» – und dann bebt es in der Menge, Fäuste strecken sich nach oben, und es dringt aus tausend Kehlen: «Wo Verlierer liegen bleiben!» 

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