Freundin bis zur Kasse

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Ich will dich besitzen: Wie ein Kollege zur Ware wird. Eine Hi-Fi-Verkäuferin in der Leere ihrer Konsumwelt.

Bettina Schaffhaus

Vergib mir, Herr, denn ich habe gesündigt. Ich bin eitel, ich lebe in einer eitlen Welt, die Menschen, die mich umgeben, sind eitel. Und ich geniesse es.

Eine Frau steht gelangweilt in einem Elektrofachmarkt am Rande einer deutschen Grossstadt und dreht eine ihrer blondierten Locken um den Zeigefinger ihrer rechten Hand. Der Kopf liegt schräg, mit leeren Augen starrt sie in die Luft. Sie ist nicht hier, um zu kaufen, sondern um zu verkaufen. Teure Surround-Soundanlagen einer bekannten Marke mit kleinen, würfelförmigen Lautsprechern. Sie ist Promoterin. Die Heimkino-Anlagen sind die Premium-Produkte in diesem Billig-Elektrofachmarkt. Er gehört zu einer riesigen Kette, die damit wirbt, dass Geiz geil sei. Es ist das Jahr 2007, die Finanzkrise ängstigt die Deutschen, das Geld sitzt nicht mehr so locker wie in den neunziger Jahren. Wenn man Hi-Fi-Anlagen für 2000 Euro, 3000 Euro oder mehr verkaufen will, dann stellt man besser etwas Hübsches dazu. Eine sogenannte Werbedame. Werbedamen müssen schlank und ansprechend aussehen; sobald sie das Verfallsdatum von 30 Jahren erreicht haben, werden sie ausgemustert. Die Frau mit den blondierten Locken wird bald 27.

Der Arbeitstag der Frau beginnt damit, dass sie den Staub von den Surround-Soundanlagen im Hi-Fi-Studio wischt. Das Hi-Fi-Studio ist ein durch Glastüren und eine Glaswand abgetrennter Bereich innerhalb der Hi-Fi-Abteilung. Das Studio misst etwa fünf Quadratmeter, hier stehen Lautsprecher  in allen Grössen wie die Orgelpfeifen nebeneinander, davor kleine Schildchen mit Zahlen, mittels Knopfdruck kann dann Boxen-Paar fünf mit Verstärker Nummer drei angesteuert werden oder Verstärker acht mit Box 23. Manche Kunden bringen DVDs ihrer Lieblingsfilme oder ihre Lieblings-CD mit, von denen sie genau wissen, wie diese für sie zu klingen haben. Ganze Soundsysteme können hier installiert und vorgeführt werden. In der Mitte des Raumes steht ein Bänkchen, auf dem die Kunden sitzen und auf einen grossen Flachbildschirm an der Wand starren wie Schüler auf eine Tafel, während ihnen die Promotorin etwas vorführt – eine Lehrerin, in der Hand die Fernbedienung als ihren Zeigestock. Sie zeigt auf das Menu auf dem Bildschirm, dann auf die kleinen, unauffälligen Würfel an der Decke, sie nutzt den Überraschungseffekt, jedes Mal aufs Neue sind die Leute baff: so viel Klang (Männer) aus so kleinen Lautsprechern (Frauen)!

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