Gazprom heizt ein

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Noch jagen und sammeln sie in Teriberka. Doch das russische Dörflein wird bald zur Gasmetropole der Welt.

Urs Mannhart

Sie hackt Zwiebeln, raffelt Rote Bete, setzt Wasser auf für die Kartoffeln. Als alles im Topf ist, was Gemüse zu einem Borschtsch macht, schmeisst Jelena die Küchenabfälle aus dem Fenster in den harten, von heftigen Winden geformten Schnee, setzt sich ins Wohnzimmer, nimmt die schwere Brust aus dem Unterhemd und stillt ihren Sohn. Ihre Hand behütend auf der kleinen Stirn, bangt Jelena um dessen Gesundheit: Ein 
Fieber plagt ihn, er weint oft. Seit die Tochter im Alter von zehn Monaten gestorben ist, ist das Vertrauen Jelenas in die Ärzte zerstört.
         Das Licht eines späten Vormittags flutet durch die Vorhänge, beleuchtet den Salontisch, holt einen kitschigen Glanz aus dem überfüllten Aschenbecher und veredelt die goldene Etikette der Bierflasche. Mitte März ist es, die Schneeschmelze noch weit entfernt, und auf dem Sofa neben dem an der Brust herumschmatzenden Kleinen, in dessen Augen eine eigene Welt erblüht, schläft der kräftige, schnauzbärtige Wladimir Wladimirowitsch, Jelenas Mann; nach Bier riecht er und nach Kohle. Mit der gleichmässig gefurchten Stirn und der breiten Nase ähnelt er Jean-Paul Belmondo, im Dorf sagen sie ihm Wolodja. Sein Schnarchen bekräftigt die meditativ durchwirkte Atmosphäre der TV-Doku «Fischen und Jagen», Wladimirs Lieblingssendung. Obwohl sie wenig hält von Sendungen, die Männer beim Fischen, das heisst beim Warten und Nichtstun zeigen, lässt Jelena den alten, seine beiden Antennen insektenhaft in die Wohnstube streckenden Apparat laufen. Sie will nicht, dass Wolodja erwacht, nur weil das Rauschen jenes Baches endet, der durch den Fernseher fliesst. Ausserdem ist es Wolodja gewohnt, mit Lärm zu schlafen, denn Wolodja arbeitet im Boiler, manchmal tags-, manchmal nachtsüber, schaufelt Kohle im schwarzen Herzen des Dorfes, wo jenes Heisswasser hergestellt wird, welches ? gepumpt durch ein weitverzweigtes System vergrabener Rohrleitungen ? fast das ganze Dorf beheizt. Weil der andere Dorfheizer ausgefallen ist, kam Wolodja nicht gestern nach zwölf, sondern erst heute nach Hause, nach vierundzwanzig Stunden Arbeit.
    Auf Radio Rossija, dem traditionsreichen Staatssender, dessen Programm dank einem kleinen, auf dem Geschirrschrank stehenden Kästchen in die Küche gelangt, grüsst eine Gefängnisinsassin ihren ebenfalls einsitzenden Ehemann mit dem Versprechen, auf ihn zu warten, auch wenn es noch eine Weile dauern könnte.
         Angelockt von den Küchenabfällen, flattern vier Tauben durch die auch in kalten Monaten offen stehende Fensterluke, setzen sich auf Stuhllehnen, auf den Tisch und das Gewürzregal und führen dort wie so oft ihr Gegurre und Gezeter auf. Den fiebrigen Dmitrij an der Brust, geht Jelena zurück in die Küche, um den getrockneten Fisch vor den gierigen Schnäbeln der ungeladenen Delegation zu schützen. Auch heute fehlt im Verband der Tauben jene mit dem blitzweissen Federkleid, fehlt jenes ungewöhnliche Tier, das mit der Geburt Aleksandras aufgetaucht und mit ihrem Tod wieder verschwunden ist.
    Auf dem Küchentisch liegen unbezahlte Rechungen, eine zerknitterte Schachtel Arktika, ein Mahnschreiben des Elektrizitätswerks, die Bescheinigung der Arbeitslosenkasse – nichts, das keinen Taubenkot verdiente, wie sie sagt, aber Jelena vertreibt die aufgeregt flatternde Schar, legt zwei Holzscheite in den Ofen, rührt im Borschtsch und schaut aus dem Fenster.

 

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