Gezeichnetes Chicago

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Wie sich mit Bleistift und Papier in der rauen West Side die Türen öffnen lassen.

Christoph Fischer

Im Rahmen eines viermonatigen Atelierstipendiums habe ich mir vorgenommen, in der stellenweise stark heruntergekommenen West Side Chicagos zu zeichnen. Ich befinde mich in East Garfield Park, einem Stadtbezirk mit rund 21 000 Bewohnern, davon sind über 97% afro-amerikanischer Herkunft. Laut Statistik zählt diese Gegend zu jenen mit den meisten Gewaltverbrechen in Chicago. Nur etwas mehr als zehn Fahrrad-Minuten sind es von meinem Zuhause im trendigen Wicker Park bis hierher. Doch das soziale Gefälle innerhalb dieser kurzen Strecke ist markant. Eine grosse Zahl der Passanten wirkt gesundheitlich angeschlagen. Löcher klaffen in den Strassen, viele Häuser haben mit Brettern verrammelte Fenster und Türen.

Mit dem Zeichenblock in der Hand stehe ich auf der Kedzie Avenue und zeichne die Station der Hochbahn. Auf der niedrigen Mauer hinter einer Brachfläche sitzen einige Junkies. Ihre Zähne sind vom Crack-Rauchen beschädigt, bei manchen verschwunden bis aufs Zahnfleisch. Möwen wühlen in herumliegenden Plastiksäcken.

Vor mir hält ein Autofahrer aus dem weissen Mittelstand. Sein kahlgeschorener Kopf glänzt vor Schweiss. Auf dem Beifahrersitz liegt ein Springseil. Er möchte, dass ich ihm die Skyline von Chicago male, fürs Büro seiner Freundin. Dann fragt er: «Und was zeichnest du eigentlich hier? Tote Leute, huh?»

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