Goodbye Babylon

Diese Geschichte steht nur Abonnenten zur VerfügungLock icon

Alle zwei Wochen stirbt eine Sprache aus. Unterwegs in New York mit Dan Kaufman, dem Jäger der verlorenen Wörter.

Florian Leu

In Feuerland lebt eine Frau, die als Letzte ihre Sprache spricht. Sie heisst Yamana, und es gibt darin ein Wort, für das wir einen Satz brauchen, bei dem es uns den Atem verschlägt. Mamihlapinatapai bedeutet: der Blick zwischen zwei Menschen, die wollen, dass der andere etwas in Gang setzt, was beide begehren, aber ohne den ersten Schritt zu wagen.

Es ist ein Lieblingswort des Linguisten Dan Kaufman. Sprachen verschwinden schneller denn je, und dagegen kann Kaufman kaum etwas tun. Doch kann er Wörter wie dieses bewahren, mehr wird von den meisten Sprachen sowieso nicht bleiben. Sag es noch mal: mamihlapinatapai.
Kaufman sitzt in einem Zimmer an der achtzehnten Strasse mitten in Manhattan, trägt ein T-Shirt voller Flecken, sucht in einer Tüte nach Chips-Krümeln. Kaufman wirkt wie ein Schuljunge – ein Held sieht anders aus. Hier, im Architekturbüro seines Vaters, der auf Brückenbau spezialisiert ist, hat Dan Kaufman vor zwei Jahren eine urbane Feldstation eingerichtet: Sprachkarten aufgehängt, Schreibtafeln aufgestellt, Mikrofone aufgepflanzt. Kaufman macht den Eindruck, wie er so in seinem Stuhl fläzt und Chips isst, als würde er seine Zeit mit Games und Comics vertrödeln. Doch er ist Professor an der City University von New York, und bis heute hat er dreissig Sprachen gerettet oder zumindest ihr völliges Verschwinden verhindert. Er ist ein kleiner Mann mit schmalen Schultern. Doch wenn er plötzlich hochschnellt, um etwas auf seinen Sprachkarten zu zeigen, hat er einen hastigen, federnden Schritt. Und er wirkt auf einmal so leicht, als würde er schweben, als könnte man ihn einfach wegniesen.

Als Student malte er sich ein Bibliotheksdasein aus: einen Stapel Papier vor der Nase, eine Lampe auf dem Tisch, stille Wesen um sich herum, zur Abwechslung vielleicht einmal ein Penner, der an einem der Tische schläft, bis die Wachleute ihn rauswerfen. Das wäre ein gutes Leben gewesen für Kaufman, es wären darin Wörter wie «Öffnungszeiten» und «Feierabend» vorgekommen. Doch je länger er las und Zeilen unterstrich, desto stärker hatte er den Drang, etwas gegen den Verlust der Sprachen zu tun. Er hörte von Yawuru in Westaustralien, das noch fünf Sprecher hat. Von Yoruk in Nordkalifornien, das noch zwei Menschen kennen. Ein Kollege machte ihn auf die Sprache aus Feuerland aufmerksam, die nur noch im Kopf dieser alten Frau existiert. Wenn sie stirbt, geht eine von sechstausend Sprachen zugrunde. Alle zwei Wochen verklingt eine davon, verschliesst sich eine Sichtweise auf die Welt, ein Fenster auch ins Innere des Hirns. Ein Drittel der Sprachen ist erfasst und durchleuchtet worden, von einem Drittel haben wir ein paar Wörterlisten, ein paar Hinweise zur Grammatik, beim letzten Drittel tappen wir im Dunkeln und wissen kaum den Namen der Sprache. Bis zur Jahrhundertwende, schätzt Kaufman, werden neun von zehn Sprachen tot sein. «Eine Sprache sterben zu lassen», zitiert er den Linguisten Ken Hale, «das ist, als würde man eine Bombe auf den Louvre werfen.» Das sei, fährt er fort, als würde ein Bombenhagel auf New York niedergehen. «Von den achthundert Sprachen, die es hier gibt, steht die Hälfte kurz vor dem Ende.» Wie immer, wenn er apokalyptische Dinge sagt, hat Kaufman ein zartes Lächeln im Gesicht.

Als er mit seiner Kollegin Juliette Blevins und dem Dichter Bob Holman die Allianz der gefährdeten Sprachen gründete, ist sein Leben anders geworden. Mit Chips im Mund sagt er: «Früher war ich ein fröhlicher Streber. Ein Streber bin ich noch immer, aber heute komme ich mir vor wie ein Indiana Jones der Linguistik.» Der Archäologe mit der Peitsche in der Hand, der hinter den Schätzen her ist und immer wieder ruft: «Das gehört ins Museum!» Gäbe es ein Museum der Sprachen, mit Kaufman und Blevins als Kuratoren, müssten darin Tafeln hängen mit den besten Wörtern der Welt.

Als Abonnent steigen Sie bei Reportagen wegbereitend ein und können diesen und alle weiteren Artikel hier auf der Website lesen. Ausserdem ermöglichen Sie ganz direkt, dass unsere Autorinnen und Autoren, abseits der ausgetretenen Pfade spannende Geschichten aufspüren können.
Florian Leu unterwegs:
AutorIn
Themen
Region
Florian Leu
Florian Leu
Florian Leu
Florian Leu