Googles Schlafstadt

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Ein Programmierer, ein Obdachloser und eine Aktivistin zeigen ihr San Francisco. Wem gehört eine Stadt?

Florian Leu

Tony, Obdachloser

In seiner ersten Nacht auf der Strasse hatte er noch sein gestreiftes Schlafkissen dabei. Eine Obdachlose lachte ihn aus. In der zweiten Nacht ahmte er sie nach, zog seine Converse-Schuhe aus, faltete die Jacke, legte sie drauf. Im Juni 2011 wurde Tony Longshanks obdachlos, er war vierunddreissig Jahre alt. Doch er ging immer noch zur Arbeit bei Wells Fargo, der grössten Bank des Landes, er hatte da eine Stelle in einem Arbeitslosenprogramm bekommen, stand hinter dem Schalter, als ob nichts wäre. Seinen Besitz verstaute er in einem Lagerhaus, vor allem Hippiekleider. Wenn er im Schlafsack lag, las er immer wieder den Herrn der Ringe, die Stelle über die sprechenden Bäume weiss er heute noch auswendig. Er drückte sich Stöpsel in die Ohren, den Verkehrslärm hörte er aber auch so. Irgendwann half ihm das beim Einschlafen, graues Rauschen. Morgens weckten ihn die Lastwagen, die zwölf Meter weiter oben über die Autobahnbrücke fuhren. Die Pfeiler übertrugen die Schwingung auf den Betonsockel, auf dem Tony schlief. Oft dachte er, noch übernächtigt, als Erstes an ein Erdbeben. Meist war er verkatert, weil er am Abend eine Flasche Two-Buck-Chuck getrunken hatte, den Billigwein von Trader Joe’s. Immer schaute er, etwas ängstlich, gleich auf die Uhr. Um sieben mussten er und die anderen vom Parkplatz verschwunden sein, sonst würde der Besitzer die Polizei rufen. Tony stand jeden Morgen am Ort seiner Albträume auf, kam sich vor wie ein Zombie in einem noch nicht gedrehten Film, Die lebenden Toten von San Francisco. Er schlich zum Lagerhaus, wusch sich auf der Toilette, holte den Anzug aus dem Spind, hielt sich für einen Hochstapler, wenn er zur Bank im Financial District ging. Manchmal dachte Tony an Superman. Er war ein obdachloser Clark Kent geworden, der sich morgens in einen Bürger mit roter Krawatte und schwarzen Schuhen verwandelte. Tony, der Bankangestellte. Tony, der Journalist, der Hausbesetzer, der Stadtstreicher, der Sozialarbeiter, der Junkie, der Aktivist, der Träumer, der Schriftsteller, der Astronaut im amerikanischen Traum. Er spielte schon viele Rollen.

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