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Die Historische Reportage über den Papstbesuch in der Schweiz 1984.

Niklaus Meienberg

Pfingst-Dienstag, 08.35, Flughafen Kloten, Zuschauerterrasse. Zwei Tage nach dem Heiligen Geist wird der Heilige Vater erwartet. Er ist jetzt noch in der Luft, sieht die Berge von oben; blättert ein wenig im Brevier; nippt an einer Bloody Mary – andern Quellen zufolge an jenem mit polnischem Wodka geläuterten Tomatensaft, welchen ihm sonst die polnische Nonne Kathinka regelmässig zum vatikanischen Mittagessen kredenzt –, findet eine hilfreiche Stelle im Brevier: domine ad adjuvandum me festina, Herr, eile mir zur Hilfe; findet noch eine weitere Stelle: super aspidem et basiliscum ambulabis et conculcabis leonem et draconem, über Schlangen und Basilisken wirst Du schreiten und zermalmen den Löwen und den Drachen, und die Stellen kann er brauchen, denn die christlichen Politiker warten im ganzen Land auf seinen Besuch und wollen sich in seinem Glanze sonnen und seine geistlichen Kraftströme auf ihre weltliche Mühle lenken. Wyer wird ihn empfangen, das überragende walliserische Schlitzohr, auch Furgler, Egli, Schürmann, Wiederkehr, Cottier – die geballte politische Unchristlichkeit. Der Papst seufzt. Er hat kurz nach dem Abflug in Rom-Fiumicino in den Reden geblättert, die er spontan überall in der Schweiz halten wird. Er weiss jetzt schon, dass ihm die Freiburger Jugend «ernsthafte Fragen», die er noch nicht gehört hat, stellen wird, und hat die Antworten darauf sicherheitshalber bereits in Rom formuliert. Im Frachtraum der päpstlichen Al-Italia-Maschine liegen ein paar hundert Kilo hektographierte Papstreden bereit, dt. frz. engl. span. ital., die werden in den verschiedenen Pressezentren entlang der päpstlichen Route in schönster Auslegeordnung zu finden sein. Über der Lombardei hatte der Papst einen Lachanfall. Eine Ansprache, die er vor kurzem den Papuas in Neuguinea gehalten hat, war durch ein Versehen seines Sekretärs in das schweizerische Reden-Konvolut geraten, und zwar an jener Stelle, wo der Bundesrat im Landgut Lohn begrüsst werden sollte – «Und so entbiete ich denn Eurer alten Stammeskultur, Euren Speeren und Schildern, Euren prächtigen Bemalungen und Eurer unangekränkelten Urwüchsigkeit meinen brüderlichen Gruss.» (Applaus.)

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