Hallo Schweiz #33

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Auf seiner Recherche für Reportagen in Sotschi 2016 lernte der Autor Dmitrij Gawrisch den russischen Schriftsteller Michail Kaluschski kennen. Im vergangenen Sommer besuchte Kaluschski Bern – und wollte unbedingt ein Schweizer Gefängnis von innen sehen. Um seine Erfahrungen in einem sibirischen Straflager mit der Schweiz zu vergleichen. Gemeinsam verbrachten Gawrisch und Kaluschski einen Tag in der Justizvollzugsanstalt Witzwil.

Michail Kaluschski

Wir ziehen uns in den Schatten zurück, um eine zu rauchen. Es ist heiss heute. Neben den Scheunen riecht es nach Heu, in der Ferne sieht man die schneebedeckten Gipfel der Alpen.

«Du hast eine Dings im Haar, wie heissen sie nochmal? Diese Tiere, die Honig machen …», sagt Mischa. Er stammt aus Litauen, und sein Russisch ist etwas eingerostet.

Ich scheuche die Biene weg, eine der 1 102 365 hier lebenden Bienen. Wie man die Bienenzahl wohl berechnet? Ich habe mich leider nicht erkundigt, hier wird nämlich über alles genauestens Buch geführt. 1 102 365 Bienen, 26 Bienenvölker. Ausserdem 480 Rinder, 136 Pferde, 1200 Schweine, 112 Hühner. Das Ganze auf 825 Hektaren verteilt. In der Justizvollzugsanstalt Witzwil, offenbar dem grössten Agrarunternehmen der Schweiz, baut man Obst, Blumen und Gemüse an, stellt alle möglichen Lebensmittel und Getränke her, näht Kleider, und es gibt auch einen Zimmerei- und Schreinereibetrieb. All das wird unter der Marke «Made in Witz­wil» verkauft. So einen Apfelsaft wie hier habe ich noch nie getrunken.

Drei der Leute hier in diesem Gefängnis können mit mir russisch reden: Mischa aus Litauen, der Georgier Besik und der Schweizer Tomáš, dessen Eltern 1968 aus der Tschecho­slowakei kamen. Mischa und Tomáš sollen sich kürzlich geprügelt haben, aber jetzt lachen sie, als wäre nichts gewesen.

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