Heiner will es wissen

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Ist der Rohstoffkonzern Glencore schlecht? Sieben Lehrer und Rentner aus der Schweiz in den Kohleminen Kolumbiens.

Daniel Puntas Bernet und Rocío Puntas

Auf dem Höhepunkt der dreiwöchigen Reise spricht der 74-jährige Heiner Stolz aus Obfelden, Kanton Zürich, pensionierter Zierfisch- und Weinhändler, schlank und trotz Gehstock rüstig, ein engagierter Schweizer Bürger, den einen Satz aus, dem kein Manager dieser Welt gewachsen ist: «Ich habe in meinem ganzen langen Leben noch nichts gesehen, was mich gleichzeitig so traurig und wütend gemacht hat wie die Situation in den Dörfern rund um Ihre Mine.»

Heiner Stolz sagt diesen Satz zu Mark McManus, dem CEO der Glencore-Steinkohlemine Prodeco in Kolumbien, Australier, 25 Jahre jünger als Stolz und mit allen Wassern gewaschener Minen-Manager. McManus, stämmiger Nacken, bulliger Körper, Sommersprossen und kleine Hände, zeigt äusserlich keine Regung. Vor seiner Tätigkeit in Kolumbien hat er schon Steinkohle in Australien, Südafrika und Kanada aus dem Boden geholt und dabei, wie er mit angelsächsischer Ironie zu sagen pflegt, «die Drecksarbeit erledigt für uns, die zu Hause gedankenlos den Lichtschalter betätigen».

Wenige Augenblicke zuvor hat McManus die siebenköpfige Schweizer Delegation im 17 Grad kalten und neonbeleuchteten Konferenzraum begrüsst, während draussen auf dem Minengelände schon morgens um acht über 30 Grad und Sonnenschein herrschen. Seinen höflichen Einstiegsfloskeln hat er ein charmantes «I already heard, you are very inquisitive» angehängt. Es hätte ein gemütlicher Arbeitstag mit der Schweizer Bürgerbewegung werden sollen, die überwiegend aus Rentnern und Lehrern besteht. Doch die Gemütlichkeit ist schlagartig vorbei, als Heiner seinen Satz sagt, unaufgeregt, aber sichtlich bewegt. 

McManus übergibt das Wort seinem Pressesprecher, der nun die ökonomische Erfolgsgeschichte von Glencores Kohlemine in Kolumbien mit Power-Point-Folien präsentiert: jährlich eine Produktion von 14 Millionen Tonnen Steinkohle, 6500 Beschäftigte und damit einer der grössten Arbeitgeber Kolumbiens, Bau eines 550 Millionen Dollar teuren, modernen Hafens an der Karibikküste, ein eigentliches Geschenk an den Staat, damit die Kohle noch effi­zienter verschifft werden kann und schneller nach Europa gelangt, Millionen, die in Bildung und Entwicklungsprogramme für die Bevölkerung investiert werden, denn «Kohle ist endlich, und Glencore will auch dann, wenn wir hier wieder gehen, positiv in Erinnerung bleiben». Mit verschränkten Armen und abwesendem Blick folgt McManus der Präsentation. Gut möglich, dass er an den Satz von Heiner denkt und seine Erwiderung an die unerwartet aufsässigen Schweizer vorbereitet.

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Daniel Puntas Bernet, Rocío Puntas unterwegs: