Im Rausch zur Story

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Hamilton Morris ist der Star des Stunt Journalism: Er probiert Zombie-Pulver und demaskiert den War On Drugs. 

Hannes Grassegger

«Meint der uns? Will der uns rausziehen?» Der Cop hängt direkt an unserem Heck und blinkt wütend mit allen verfügbaren Leuchten. Auf dem Beifahrersitz richtet sich Hamiltons schmächtiger Oberkörper auf. 89 mph sagt der Tacho. 19 mph zu viel. «Ich glaube schon.» Wir kommen auf dem Seitenstreifen zum Stehen. Die Energiespar-Automatik schaltet den Motor ab. Es wird still. Trucks rauschen eine Handbreit entfernt vorbei, der brave weisse Prius vibriert jedes Mal aufgeregt. Im rechten Seitenspiegel verfolge ich, wie der Polizist aussteigt und langsam näher kommt. Hand an der Pistole. Ich lege beide Hände aufs Steuer. Hamilton blickt starr geradeaus, als der Polizist sich an sein Fenster beugt. Unverdächtig sieht Mr. Morris aus. 185 cm, Drahtbügelbrille, Jeans, weisses Button-down-Hemd hochgeknöpft, dunklerer Typ, Frisur wie Ringo Starr nach dem Aufstehen, etwa 1966. Wie ein übernächtigter Ivy-League-Student, dachte ich, als wir uns vor seiner Wohnung in Brooklyn erstmals begegneten, wie jemand, bei dem die Löcher in den Jeans nicht wirklich Löcher sind. Immerhin ist Morris der einzige Sohn des Oscar- gekrönten Dokumentarfilmers Errol Morris. Stephen Hawking schenkte dem kleinen Hamilton einst eine Nachttischlampe.

Heute ist Hamilton eine der grössten Hoffnungen des US-Journalismus. Ein 27-jähriger Slacker, der von einem winzigen Appartement in der Grand Street aus eine der grössten Schlachten der Nation beeinflusst. Wenn man mit Morris durch Williamsburg läuft, dort, wo sein Aufstieg begann, werden die coolsten Typen geschmeidig. Sie lächeln, fragen, wie es gehe. Er antwortet mit dieser Stimme, wie eine Dampfwalze, die über frischen Teer rollt, so unglaublich tief, dass sie nicht nur seinen Dokumentarfilmen, sondern auch seinem dürren Leib unantastbare Überlegenheit verleiht. Was Hamilton Morris ist, was er macht − vor allem wie – all das wäre ohne den Zusammenbruch des Journalismus, wie er bisher funktionierte, nicht möglich gewesen. Ohne den Kampf aller gegen alle, den stets jene gewinnen, die von Anfang an die Regeln brechen. 

In der allerersten Folge seiner Vice-TV-Videoserie Hamilton’s Pharmacopeia, da reist Hamilton wochenlang auf Booten durch den Amazonas, um eine Giftkröte zu finden, deren legendäres psychedelisches Sekret er sich von Schamanen in die Haut brennen lassen will. Er hat keine Ahnung von Land und Leuten, es geht ihm miserabel, sein Kumpel filmt alles, und einmal, völlig überhitzt, da zieht er sich vor der Kamera aus, und sein 60-Kilo-Körper sieht aus wie diese ausgezehrten Jesulein. Doch dazu höhnt sein dunkler Bass über die Insekten, die ihm das Fleisch aus dem Leib beissen, und er wird so unangreifbar, dass er sogar Bodybuilder zu seinen Fans zählt, Leute, die ihn für seine «Eier aus Stahl» bewundern. 

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