Königin der Früchte

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Wie eine Frau aus einem Dorf in Tschechien zur besten Marmelade-Köchin der Welt wurde.

Kilian Kirchgessner

Einerseits war es sicherlich gewagt, ausgerechnet da ein Café aufzumachen, wo die Zivilisation am weitesten entfernt ist. Andererseits kann die Entscheidung so falsch nicht gewesen sein, wenn die Leute aus Prag sich ins Auto setzen und zweieinhalb Stunden in Richtung Westen fahren, um hierher zu kommen in dieses Nest im Böhmerwald, in dem es ein paar Dutzend Häuser gibt, eine Kapelle mit Holzschindeln und im Übrigen einen Nebel, der bisweilen so undurchdringlich wird, dass die Autos in Schrittgeschwindigkeit vorwärtsschleichen auf dem endlosen Weg durch den Wald. Sie kommen wegen dieser göttlichen Marmelade, die hier in den 20-Liter-Töpfen kocht, und wenn das Café ein paarmal im Monat geöffnet hat, dann ist das ganze Dorf zuparkiert.

«Die sind hier in der Nähe gewachsen», sagt Blanka Milfaitová und nickt mit dem Kopf in Richtung der Äpfel auf dem Küchentisch. Shampion heisst die Sorte, die Äpfel sind grün mit leicht rötlichen Wangen, und vor allem sind es zwei riesige Kisten voll. Draussen vor dem Fenster zieht eine Wandergruppe in den Tag, der gerade erst begonnen hat, die Kapuzen der Regencapes eng um den Kopf gezogen, und drinnen greift Blanka Milfaitová zum Apfelschäler.

Nach den ersten zehn Kilo wird die rechte Hand allmählich lahm. In langen Spiralen fällt die Schale ab, ein Apfel, zwei Äpfel, zwanzig Äpfel, die erste Kiste leert sich. Es ist eine wortlose Arbeit, Blanka Milfaitová schaut kaum auf, ohnehin redet sie nur wenig. 39 Jahre alt ist sie, in ihrer Küche trägt sie zur roten Trainingshose ein schwarzes T-Shirt. Ihre braunen Haare hat sie nach hinten gekämmt, damit sie nicht in die Schüssel hängen, die alle paar Minuten so voll wird, dass sie den Schäler zur Seite legt und zum Messer greift. Exakt sechs Züge braucht sie, um einen Apfel zu vierteln und die Kerngehäuse rauszuschneiden. Bis es Zeit ist zum Mittagessen, wird der Apfelberg kleingearbeitet sein, er wird verteilt sein auf 46 Marmeladengläschen, und Blanka Milfaitová wird mit dem Topfschaber durch die drei grossen Edelstahltöpfe fahren und die letzten Reste der Masse probieren, sie wird noch warm sein. Die herbe Note des Apfels wird leicht übertönt werden von einer Caramelnote, ein wenig Zitrone wird herauszuschmecken sein und das Aroma der getrockneten Preiselbeeren, die ganz zum Schluss in den Topf gekommen sein und die Marmelade leicht rot gefärbt haben werden.

Sie ist keine Frau der grossen Worte, nicht einmal dann, wenn sie im Scheinwerferlicht steht. Die meisten Tschechen kennen sie aus dem Fernsehen, sie und ihre unglaubliche Geschichte. Neulich war sie bei einer Sendung zu Gast, die der amerikanischen Show Late Night von David Letterman nachempfunden ist. Eingesunken sass sie auf dem Fernsehsofa, und während die Gäste sich üblicherweise ein paar coole Sprüche überlegen, um möglichst schlagfertig zu wirken, antwortete sie auf jede Frage mit sparsamen Worten, die sie sich mühsam zurechtsuchte. Das Reden übernahm bald ohnehin der Moderator für sie: Er öffnete das Marmeladenglas, das Blanka Milfaitová mitgebracht hatte, und erging sich die halbe Sendezeit über in Ahs und Ohs. Als der Abspann lief, war das Glas leer.

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