Kisanet und die Deutschen

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«Sie sagen: Schönen Feierabend! Als wäre jeder Tag am Ende doch noch ein Fest.» Die Reporterin leiht einem Flüchtling ihre Stimme.

Sabine Riedel

Für Jutta Stössinger

 

Wundert euch nicht. Ihr habt mich nicht gerufen, aber ich bin unter euch. Ich bin euch auf den Fersen, ich folge euch. Ich sehe euch genau: Wie euer Mund ganze Sätze formt und eure Hände sich bewegen zum Rhythmus eurer Worte. Ich habe viel von euch gelernt. Ich sehe euch leere Flaschen zum Metallcontainer tragen, sehe euch am Samstagmorgen die Strasse vor eurem Haus fegen, die Kinder, die sich zu weit auf die Strasse wagen, zurück in den Garten jagen. Ich sehe euch in eure Autos steigen, wie ihr den Sicherheitsgurt schräg über die Brust zieht und mit einem Klick arretiert. Und erst dann fahrt ihr los. Ich glaube, Menschen wie ihr sind immer auf der sicheren Seite.

Ach ja. Ich heisse Kisanet. Ich gehe hinter euch. Ich bin klein, aber kein Kind mehr. Meine Haut ist auch im Winter dunkel.

Jetzt lebe ich in Deutschland. In einem kleinen Haus, Wand an Wand mit Mädchen, die über das Meer kamen wie ich. Wir kochen und essen und lernen und waschen unter den wachsamen Augen von Frauen, die wir Betreuerin nennen. Unter der Dachschräge ist mein Zimmer: ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Schrank, ein Waschbecken, ein Spiegel, an der Decke eine Kugel aus Reispapier, aus der das Licht rieselt wie gesiebtes Mehl. Über meinem Kopf an der Wand hängt eine Karte von Europa, jedes Land hat seine eigene Farbe, Deutschland ist blau, blau wie das Meer, wenn es Kinder malen und wie es nie ist. Neben der Karte das lateinische Alphabet und neben dem Alphabet die Mutter Gottes mit einem sonnengelben Tuch. Der Husten eines anderen Mädchens klopft an die dünne Wand hinter meinem Kopf. Der Bettvorleger ist ein pinkfarbenes Herz, das ich morgens und abends mit Füssen trete. Auf dem Nachttisch sitzt ein weisser Teddybär, der nie schläft, er starrt mit offenen Augen in die Nacht. Er trägt eine rote Zipfelmütze, die ihm schräg auf dem Kopf sitzt.

Ich kam übers Meer. Der Wind schlug mir ins Gesicht, als wollte er sagen: Schlaf nicht ein. Weil der Schlaf zu nah am Tod ist.

Vier Tage und vier Nächte schlug er mich, bis meine Wangen schrien. 

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