Las Flores, vergib mir

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In El Salvadors Bürgerkrieg gefährdete ein Reporter seine Informanten. Sind sie noch am Leben?

Michael Stührenberg

«José Lisandro Monge!», rufe ich um sieben in der Früh durch eine offene Haustür in San José de las Flores, einem Dorf im Norden von El Salvador. Als erste Antwort kommt das Geräusch schlurfender Schritte. Dann erscheint eine kräftige Gestalt mit nacktem Bauch. Das Gesicht, durchkreuzt von einem ergrauten Schnäuzer, ist gebräunt von lebenslanger Tropensonne. Die wachen Augen glänzen vor Freundlichkeit, den Kopf mit dem krausen Haar krönt ein Sombrero mit schlapper Krempe. «Komme gerade aus dem Maisfeld zurück», sagt Don Lisandro ohne Aufregung. So, als stünde hier der Milchmann vor seiner Tür.

Ich sage erst einmal gar nichts. Geniesse das Schauspiel seiner Mimik während der paar Sekunden, die er braucht, um mich einzuordnen. Dieser Mann besitzt ein gewaltiges Gedächtnis. Weil sein dörflicher Lebenslauf einem einzigen kräftigen Strang gleicht und nicht, wie im Fall des vor ihm stehenden Dauerreisenden, einem Knäuel zerzauster Fasern. Jetzt grinst er, seine Erinnerung hat in zeitlichen Tiefen eingehakt. «Ich wusste, du würdest wiederkommen», behauptet Don Lisandro. 

Wir entschliessen uns zu einer Umarmung. Klopfen uns gegenseitig auf Rücken und Schultern. Wiederholen Sätzchen wie Como estás? und Qué me alegro! – Ich freue mich sehr! Lauter Worte gerührter Ratlosigkeit. Dabei habe ich ein halbes Leben lang auf diesen Augenblick gewartet! Oder besser gesagt, fast ein ganzes Reporterleben. Vor 28 Jahren stand ich schon einmal an dieser Stelle in San José de las Flores, das seine Bewohner, die Floreños, nur Las Flores, «die Blumen», nennen. Viele gab es hier davon damals nicht, Blumen, meine ich. Deshalb hat es uns – drei junge Reporter auf abenteuerlichen Abwegen – ja so verwundert, dass jedem von uns zur Ankunft in Las Flores ein Strauss Feldblumen überreicht wurde. Ein Präsent, das nicht ins Gesamtbild passte. Auf dem Weg nach Las Flores waren wir mit Guerilleros durch eine Landschaft verbrannter Erde marschiert. Aschegraue Täler, steile Hügelhänge mit den Skeletten verkohlter Bäume. Das Dorf wirkte fast noch trostloser: ein Haufen ärmlicher Hütten, die sich wie zum Gebet vor einer halb zerfallenen Kirche zu ducken schienen. 

Am Ortseingang erwartete uns die einzige Klasse der Dorfschule. Die Kinder, gekleidet in den Nationalfarben Blau und Weiss, sangen zu unserer Begrüssung ein Volkslied. Danach überreichte ein kleines Mädchen das Gastgeschenk: Blumen aus Las Flores! Wie war das möglich? Wenn es doch weit und breit nur verbrannte Erde gab. Weil seit sechs Jahren Krieg herrschte. Und weil es in diesem Teil der Provinz Chalatenango, die als Guerilla-Bastion galt, nach dem Willen der Armee eigentlich auch kein Dorf mehr hätte geben dürfen. Die Blumen in der Hand des Mädchens erschienen unwirklich − mehr wie ein symbolischer Anspruch als wie ein normaler Gegenstand.

Don Lisandro spürt meine Verwirrung: «Du erkennst wohl nichts wieder?» Eine Menge Stolz in der Stimme. Aber recht hat er, nichts hier kommt mir im Entferntesten bekannt vor. Dabei habe ich in all den Jahren so oft an diesen Ort zurückgedacht. Doch die Erinnerung ist starr wie ein Gemälde, und wie hätte ich mir in Bezug auf Las Flores irgendetwas Neues ausmalen können? Seit meiner Flucht aus dem Dorf habe ich ja nie wieder von ihm gehört. Doch, ein einziges Mal ­­– aber jene Nachricht erfüllte mich mit Schuldgefühlen. Der Wunsch, diese Schuldgefühle endlich loszuwerden, ist der Grund für meine heutige Rückkehr.

 

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