Lied aus dem Dschungel

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Gesänge lockten den New Yorker Louis Sarno in den zentralafrikanischen Regenwald. Heute ist er ein Pygmäe.

Michael Obert

Der König der Pygmäen ist 1 Meter 90 gross, weiss und ein miserabler Jäger. Er kann nicht auf Bäume klettern, keinen wilden Honig ernten, das Wesen der Waldgeister ist ihm fremd, die Frauen kichern über ihn. Singen? Tanzen? Fehlanzeige. Und leicht zu finden ist er auch nicht.

Seit vier Tagen sind wir unterwegs im Kongobecken. Von der kamerunischen Hauptstadt Yaoundé aus stetig nach Osten, auf roten Schlammpisten immer tiefer hinein in den grössten Dschungel Afrikas, im Boot den Sangha-Fluss hinauf, hinüber in die Zentralafrikanische Republik und auf Waldpfaden bis auf diese Lichtung, wo plötzlich von allen Seiten BaAka-Pygmäen auf uns zuströmen, in zerlumpten Kleidern, die Kinder sind nackt. Klein gewachsene Männer schreien uns an und fuchteln mit ihren Speeren herum. Frauen mit tätowierten Gesichtern und spitz gefeilten Schneidezähnen zerren an unseren Hemden. Der Geruch nach Rauch, nach Schweiss; es ist heiss, überall Fliegen. Über Hütten aus Ästen und Blattwerk türmt sich eine Wolke auf, ein Donner grollt – und genau in diesem Moment löst sich aus dem Unterholz eine hoch gewachsene Gestalt.

Wie auf ein geheimes Signal reisst das Geschrei der BaAka ab. Sie bilden eine Gasse, der Mann schreitet hindurch und bleibt direkt vor uns stehen: ein Weisser, zwei Köpfe grösser als die anderen, auf jedem Arm ein Pygmäenbaby, barfuss. Sein nackter Oberkörper ist mit dunklen Flecken übersät. Kahler Kopf, schmaler Oberlippenbart, das Gesicht kantig und spitz wie das einer Ginsterkatze.

Vor uns steht eine Legende: der erste Weisse, den die BaAka in ihr Volk aus Jägern und Sammlern aufgenommen haben. Ein Verlorener, Verschollener, Wiedergeborener, der monatelang nur Kaulquappen ass, eine BaAka-Frau heiratete, Malaria, Hepatitis, Typhus, Lepra überlebte – und der 1000 Stunden einzigartiger Pygmäengesänge aufgezeichnet hat. Vor uns steht der musikalische Herodot der zentralafrikanischen Wälder, der weisse Pygmäe – Louis Sarno.

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Michael Obert unterwegs: