Mafioso ausser Dienst

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Luigi Bonaventura ist Italiens Kronzeuge Nr. 1. Jetzt wartet der ehemalige Auftragsmörder auf den Prozess.

Sandro Mattioli

Du musst wissen, welcher Knopf der richtige ist. Es ist eine typische italienische Klingelanlage: mattsilberne, runde Knöpfe, auf den Schildern daneben sind Namen eingraviert. «Bonaventura» brauchst du gar nicht erst zu suchen. Doch neben einem Knopf klebt ein handbeschriebener Zettel mit einem anderen Namen, seinem Tarnnamen. Es wirkt, als würde jemand hier nur für ein paar Wochen leben, vorübergehend. Der Zettel hängt jedoch seit Monaten. Diesen Knopf drückst du. 

Ein Summen, ein kurzes Knattern, die Tür fällt hinter dir krachend ins Schloss, und du bist in einem Hauseingang: auf festem Marmor, die Wände sind ebenfalls marmorgefliest, bis ganz nach oben, die Decke ist freundlich gestrichen. Die Tür zum Aufzug stemmt sich wie jede Aufzugstür zunächst gegen das Aufziehen, dann kommt sie dir mit Schwung entgegen. Du drückst ein weiteres Mal auf einen Knopf, diesmal einen schwarzen, fährst einige Stockwerke nach oben und stehst vor einer Tür, einer normalen italienischen Wohnungstür in einem normalen italienischen Wohnhaus; sie scheint aus Holz zu sein, ist aber aus Metall. Diese hier ist sogar eines jener Modelle, die beim Schliessen mehrere Riegel in den massiven Türrahmen treiben, weil in Italien doch so viel gestohlen wird. Vor Schüssen aber schützt sie nicht. 

Luigi Bonaventura öffnet die Tür. Du könntest ihn jetzt töten, wenn du ein Killer wärst, jeder könnte es tun, keiner hat dich bisher aufgehalten, es wäre ein Leichtes. Du könntest den Schalldämpfer aufschrauben, wie er es früher auch getan hat, und niemand bekäme etwas mit, du hättest genug Zeit zu entkommen. So wie du eben ins Haus gekommen bist, so hat er es sich oft ausgemalt. Er will vorbereitet sein. Aber auf den Tod kann man nicht vorbereitet sein. 
Du sagst Hallo, freust dich über das Wiedersehen und umarmst den Mann, der jetzt einen neuen Nachnamen trägt. Du umarmst nicht Luigi Bonaventura, den Mafiaboss, nicht den Killer, an dessen Händen Blut klebte, den Drogenhändler, den Mann hinter den Auftragsmorden. Du umarmst Luigi, den Freund. Nur, so einfach ist das nicht zu trennen, am wenigsten für deinen Freund selbst. Denn der Mann, der einmal Luigi Bonaventura hiess, ist immer noch Luigi Bonaventura, auch wenn er täglich dagegen ankämpft. Weil du ein Mafialeben nicht einfach vor der Tür abstellen kannst wie ein Paar schmutzige Schuhe. Es klebt an dir wie Pech.

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