Marathon für Verlierer

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160 Kilometer durch die Wildnis: Bei diesem Ultralauf stossen sogar Siegertypen an ihre Grenzen.

Johannes Musial

Die Hölle beginnt mit dem dumpfen Tröten einer Muschel. Einer beträchtlichen Flatulenz gleich quält sich das Geräusch durch ein Tal im Nirgendwo des US-Gliedstaats Tennessee. Es schwillt an wie der Schmerz, der ihm schon bald folgen wird. Dann kämpft es sich zurück von den Bergen; im endlosen Hoch und Runter der Landschaft verirrt es sich schliesslich, so wie sich in den nächsten Tagen jene 40 Läufer verirren werden, die jetzt in einem Kreis stehen und gebannt lauschen.

In ihrer Mitte ein Mann Anfang 60, der aussieht, als gehöre er in diesen Wald, als wäre er schon immer hier gewesen. Ein grobkariertes Hemd, etwas zu weit, verdeckt den Bauchansatz, ein grauer Rauschebart einen Grossteil seines Gesichts und eine rote Wollmütze die kahlen Stellen auf seinem Kopf. «Rennt, so schnell ihr könnt», ruft Gary Cantrell der Menge an diesem Samstagmittag im Spätmärz zu, presst die geschwungene weisse Muschel an seine Lippen und bläst zum Auftakt des Wahnsinns, den er vor mehr als 30 Jahren ausgebrütet hat: den Barkley-Marathon, berüchtigt als das härteste Rennen der Welt.

Es ist ein Ereignis, über das ausschliesslich in Superlativen gesprochen wird, das selbst zu einem Superlativ geworden ist. Offiziell als Rennen bezeichnet – tatsächlich aber eine unerhörte Farce. Tag und Nacht geht es durch die Wildnis des Frozen-Head-Nationalparks, nordwestlich von Knoxville, mit nur wenig oder gar keinem Schlaf. Die Läufer sind abseits befestigter Wege unterwegs, vorbei an Klapperschlangen und Büschen voller Dornen, die Kleidung und Beine zerfetzen. Insgesamt 160 Kilometer gilt es zu bewältigen, viermal so viele wie bei einem Marathon. Um das zu verdeutlichen, lautet der vollständige offizielle Name der Veranstaltung auch Barkley Marathons. 

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