Mein kleiner Gladiator

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Treten, schlagen, würgen: Kinder in den USA lieben ihren Kampfsport Mixed Martial Arts. 

Matthias Fiedler

Einen Tag bevor Korey Mendoza im kalifornischen San Bernardino in einen Käfig steigt, probt er vor dem Einschlafen gedanklich seinen besten Würgegriff. Er schliesst die Augen, fühlt, wie er seinen Gegner in den Schwitzkasten nimmt, wie er ihn blitzschnell auf den Rücken dreht und ihm mit dem Unterarm die Kehle zudrückt. Korey ist aufgeregt an diesem Freitagabend im Mai, fast so wie früher vor Weihnachten. Morgen wird er wieder das machen, was ihm am meisten Spass macht. Morgen wird Korey anderen Kindern weh tun und sich weh tun lassen.

Korey ist 14 Jahre alt. Er ist Mixed-Martial-Arts-Kämpfer.

Mixed Martial Arts, kurz MMA, ist ein Vollkontaktsport, der verschiedene Kampfstile vereint − dazu gehören Kickboxen, Muay Thai, Jiu-Jitsu, Ringen und Judo. Gekämpft wird in einem achteckigen Stahlkäfig, dem Oktagon, das 70 Quadratmeter gross, 1 Meter 80 hoch und mit einem Maschendrahtzaun umspannt ist. Beim MMA gibt es nur wenige Regeln. Erlaubt sind Ellenbogen- und Kniestösse, Würfe, Schläge und Tritte gegen den Kopf, Würge- und Hebelgriffe. Nicht erlaubt sind Tiefschläge, Beissen, Haareziehen, Augenstechen und Tritte auf den Kopf eines am Boden liegenden Gegners.

Korey Mendoza geht in die achte Klasse der Beattie Middle School in San Bernardino, einer 200 000-Einwohner-Stadt, einhundert Kilometer östlich von Los Angeles. Er kämpft im Oktagon, seit er acht Jahre alt ist. Die amerikanische Jugendliga, in der er und etwa 240 andere kämpfen, nennt sich «United States Fight League» (USFL), sie hat ihre eigenen Gesetze, die zum Beispiel festlegen, dass Minderjährige Kopf- und Schienbein-Protektoren tragen. Schläge und Tritte zum Kopf und mit dem Ellenbogen sind für unter 18-Jährige verboten, ansonsten gelten fast dieselben Regeln wie bei den Erwachsenen.

Am Morgen vor dem Kampf kauert Korey im Wohnzimmer auf der Couch, seine schwarzen Haare sind frisch rasiert, oben länger, an den Seiten kurz. Zum Frühstück hat er Rührei mit Schinken gegessen, dazu einen halben Liter Organgensaft hinuntergekippt, jetzt schiesst er auf der Playstation Bösewichte über den Haufen, er sagt, so könne er sich am besten ablenken.

Auf dem Sofa neben Korey krault Sammy, sein kleiner Bruder, Pitbull Bart die Ohren. Sammy ist elf und besucht die sechste Klasse der Victoria Elementary School in San Bernardino. Wenn Sammy lacht, dann lacht die Welt um ihn herum, seine grossen braunen Augen und die tiefen Grübchen lassen Lehrerherzen schmelzen. 

Kaum einer seiner Lehrer würde vermuten, dass auch Sammy heute in den Käfig klettern wird. Fünf Stunden hat Sammy in den vergangenen zwei Tagen unter einem Kapuzenpullover auf dem Fahrrad­ergometer geschwitzt und knapp zwei Kilo verloren, in seiner Gewichtsklasse darf er nicht mehr als 34 Kilo wiegen. Es ist Sammys erster Kampf in diesem Jahr, im vergangenen hat er oft verloren. Er sagt, er wäre gern so gut wie sein Bruder, sein Vorbild. 

Korey Mendoza ist in seiner Altersklasse einer der besten Kämpfer Kaliforniens. In zwölf Fights musste er sich nur zweimal geschlagen geben, auch im Ringen und Jiu-Jitsu hat er Dutzende Medaillen gewonnen, sie hängen dicht nebeneinander an Nägeln über dem Schreibtisch im Kinderzimmer. Jeden Morgen und Abend macht er dort auf einem Gehgestell für Rentner Barrenstütze. 

«Mit 18 will ich ins Profigeschäft», sagt Korey. An diesem Samstagnachmittag kämpft er in der Gewichtsklasse bis 52 Kilo gegen A. J., einen Jungen aus Los Angeles, der sich «Mayhem», der Verstümmler, nennt. 

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