Nähen für Fälscher

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Levis, Diesel, Dolce & Gabbana: Undercover in einer serbischen Jeansfabrik.

Muhamed Beganovic

Eine dichte Dunstglocke hat sich an diesem kalten Oktobermorgen wie ein Fischernetz über Novi Pazar gelegt. Keine Seele ist auf der engen Strasse am Ende des Wohnviertels zu sehen, niemand zu hören. Irgendwie unheimlich. Die Eingangstür klemmt und quietscht wie eh und je, Denis vergisst ständig, die Scharniere zu fetten. Die Manufaktur sieht von aussen unauffällig aus. Sie ist versteckt in einem ehemaligen Lebensmittelladen mit rostigen Eisenstangen an den Fenstern. Ich sperre die Tür hinter mir zu. Der Raum ist gute zwanzig Meter breit, zehn Meter lang und sieht deprimierend aus. Weiss gestrichene, nackte Wände, von denen der Verputz bröckelt. Es gibt kein natürliches Licht, denn die Fensterscheiben sind mit Papier tapeziert. Ein Dutzend Leuchtstoffröhren sorgt für schummrige Beleuchtung. Ich fühle mich wie in einem Brutkasten für Hühner. Auch an einer Lüftung oder sonst einer Art von Frischluftzufuhr fehlt es, also kann man das, was wir Arbeiter hier einatmen, nicht als Sauerstoff bezeichnen. Es ist drinnen mindestens genauso kalt wie draussen, weshalb auch alle in ihren Jacken arbeiten. 24 Arbeitstische, nicht grösser als Schulbänke, mit je einer Nähmaschine darauf, stehen wie in zwei Reihen dicht aneinander. Der Boden bettelt darum, einmal ordentlich gekehrt zu werden. Zehn Tage arbeite ich hier schon undercover. Ich kam, um am eigenen Leib zu spüren, wie es ist, in der südserbischen Stadt Novi Pazar für ein paar Euro am Tag Jeans zu nähen. Und weil ich wissen wollte, wie die einst blühende Textilindustrie Serbiens zur Fälscherwerkstatt des Balkans werden konnte. Heute wird mein letzter Tag sein.

In meiner Zeit hier bin ich zum Experten fürs Knopfloch-­Nähen avanciert. Die elektrische Nähmaschine an meinem Arbeitsplatz war irgendwann bestimmt weiss, mittlerweile hat sie eine gelbliche Farbe. Sie ist die älteste Maschine im Haus und könnte so, wie sie aussieht, aus der Zeit der industriellen Revolution stammen. Sie steht auf einem schmutzigen Tisch voller Risse, Kratzer und kleiner Löcher. Unter der Tischplatte befindet sich ein Schalter, mit dem man die Maschine ein- und ausschaltet. Als Antrieb dienen zwei Zahnräder, die mit einem Riemen verbunden sind und permanent in Bewegung bleiben, auch wenn die Maschine nicht näht. Ich sitze auf einem alten Schulsessel aus Sperrholz, ohne Rückenlehne. «Wozu auch?», fragte mein Chef Denis spöttisch. Ich würde ohnehin den ganzen Tag über die Maschine gebeugt verbringen. Meine Kollegen sitzen auf ähnlich monströsen Sesseln oder auf ausgedienten Ikea-Küchenhockern. Ein paar haben Sitzkissen von zu Hause mitgenommen. Ich wusste zuerst nicht, wozu die gut sein sollen, bis ich mir am allerersten Arbeitstag eine schlimme Steissbeinentzündung holte. Das passiert, wenn man zu lange auf einem Möbelstück sitzt, welches ebenso gut für Folterzwecke verwendet werden könnte. Neben dem Tisch liegt ein kleiner Berg Jeans von gestern. Jedes Paar kriegt ein Loch. Es ist die leichteste Aufgabe im Haus, und ich mache sie wirklich gerne.

Sieben Uhr. Die Arbeit beginnt mit einem Lied aus den achtziger Jahren, das aus einem ebenso alten Radio ertönt. «Put me zove moram poći» (Der Weg ruft mich, ich muss aufbrechen) singen ein paar Kollegen mit, alle anderen sitzen hinter ihren Tischen und drehen die Maschinen auf. Deren penetrantes Geräusch, das ungefähr so klingt wie das Summen eines verärgerten Bienenstockes, welches von einem Megafon verstärkt wird, dominiert den Raum. Wenn ich nicht ohnehin schon einen chronischen Tinnitus hätte, würde ich ihn hier sicherlich bekommen. 

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Muhamed Beganovic unterwegs: