Napoleon kehrt zurück

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Bonaparte auf dem Sterbebett, ein malender Augenzeuge und eine lange Reise nach St. Helena.

Michael Stührenberg

Im Frühsommer 2013 überraschte mich der Pariser Kunsthändler Etienne Bréton mit dem Vorschlag einer gemeinsamen Reise nach Sankt Helena. Der Ort war mir bekannt – vom Hörensagen aus einem Geschichtsunterricht, der ein halbes Jahrhundert zurücklag: erst Waterloo, dann Sankt Helena, jedenfalls für den geschlagenen Napoleon. Seit jenen Zeiten vermutete ich die Insel im Mittelmeer. «Sie liegt im Südatlantik», klärte Etienne mich auf, «zwischen Angola und Brasilien. Man kommt da nur per Schiff hin.»

Reiche sind ja oft bekannt für Exzentrik. Und mein Freund Etienne ist schrecklich reich. Zu seiner Verteidigung lässt sich nur anführen, dass er sein Vermögen nicht geerbt hat. Er begann bei Sotheby’s in Paris, stieg da steil zum Direktor der Abteilung tableaux anciens auf, leitete als 26-Jähriger Versteigerungen in Monte Carlo. Das Ende seiner beruflichen Unschuld ereilte ihn eines Morgens in London. In einer Galerie nahe Piccadilly erstand er eine Bosporus-Ansicht in Öl und verkaufte sie gleich darauf zum doppelten Preis an den Gemäldehändler im Laden gegenüber. In jenem neu erlangten Wissen, dass schon das Überqueren einer Strasse zu erheblichen Gewinnen führen kann, etablierte sich Etienne Bréton im Herzen von Paris, wo die Adresse seiner «Consulting»-Firma Bände spricht: 346 Rue Saint-Honoré – das liegt zwischen Louvre und Place Vendôme, auf halber Strecke zwischen der grossen Kultur und dem dicken Geld.

An eben diesem Ort begann unsere Reise nach Sankt Helena. Es war ein Freitagnachmittag, Ende Juni. Gemeinsam mit meiner Tochter Lou und ihrer Freundin Clara betrachtete ich Gemälde, die an den stoffbespannten Wänden in Etiennes Ausstellungsraum hingen. Nicht, dass sie uns wirklich interessiert hätten. Wir vertrieben uns nur die Zeit mit Warten auf Etienne. Er hatte uns für das Wochenende auf sein Landgut Val-Dieu eingeladen, eine ehemalige Kartause in der Normandie, mit eigenem Wald und See! Die Mädchen hatten es dementsprechend eilig mit dem Aufbruch. Aber noch telefonierte Etienne, während wir uns mit den Ölschinken langweilten. Und dann der Schock! Vor uns hing das Bild einer aufgebahrten Leiche im Nachthemd. Bleiches Profil vor schwarzem Hintergrund. Ein Kruzifix lag auf der Brust des Toten, Haarsträhnen klebten an seinem fetten Gesicht, womöglich vom Schweiss der Agonie. «C’est quoi?», fragte Clara. Da kam auch Etienne hinzu. C’est qui?, müsse es richtig heissen, korrigierte er die 12-Jährige: «Wer kann mir sagen, wer der Tote auf diesem Bild ist?» – «Mais c’est Napoléon!», schoss es beiden Mädchen gleichzeitig aus dem Mund. Das fand ich erstaunlich. Wies doch die Leiche keines der weltbekannten Insignien auf, weder die Hand in der Weste noch jenen Zweispitz, den man Napoleonshut nennt. Und dennoch liess das Bild nicht den geringsten Zweifel an der Identität des Toten. Die Mädchen fanden das Bild toll. Es ähnele einem Filmplakat, meinte Lou: «Für einen Film von Tim Burton.» Clara nickte: «Mit Johnny Depp in der Rolle des toten Napoleon.»

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