Perlen zum Frühstück

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Wie kraftvoll ist grosse Kunst wirklich? In einer U-Bahn-Station in Washington zückt der Starviolinist Joshua Bell seine Stradivari.

Gene Weingarten

Er kam in der Station L'Enfant Plaza aus der U-Bahn hoch und stellte sich neben einem Abfalleimer vor die Wand. Alles in allem wirkte er ziemlich unscheinbar: ein noch junger weisser Mann in Jeans, langärmeligem T-Shirt und einer Baseballmütze der Washington Nationals. Aus einem kleinen Koffer zog er eine Violine. Den Koffer legte er aufgeklappt vor sich hin, warf als Startkapital ein paar Dollarscheine und Münzen hinein, drehte ihn dem Fussgängerstrom zu und begann zu spielen. Es war 7.51 Uhr am Freitag, 12. Januar 2007, mitten in der Rushhour. In den folgenden 43 Minuten kamen an dem Geiger, der sechs klassische Stücke spielte, 1097 Menschen vorbei. Fast alle waren sie auf dem Weg zur Arbeit, und fast alle arbeiteten sie in irgendeiner Bundesbehörde. L’Enfant Plaza liegt im Zentrum des Regierungsviertels, und so waren die meisten von ihnen mittlere Staatsangestellte mit schwammigen, ja austauschbaren Titeln wie Polit-Analyst, Projektmanagerin, Finanzplaner, Spezialistin, Vermittler, Beraterin.

 

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