Portugals Muschelmafia

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Illegal ausgesetzt, kriminell gehandelt: Wie die Japanische Teppichmuschel auf unserem Teller landet.

Fabian Federl

Noch ist von dem nächtlichen Unheil nichts zu sehen, noch liegt der Tejo schwarz in seinem Flussbett, wie eine dunkle Folie, die ein Problem versteckt. Aber es dauert nicht mehr lange, bis die Ausmasse sichtbar sein werden. Selbst die Nacht kann das Problem nicht verhüllen. Mitten auf dem dunklen Fluss, auf halbem Weg nach Lissabon, leuchtet plötzlich ein Scheinwerfer auf. Dann ein zweiter und ein dritter. Scheinwerfer an signalisiert: Die Flut ist da. Und das bedeutet: Sie kommen an Land. Jetzt.

Erst ist es nur eine einzige schwarze Silhouette, die aus dem Wasser steigt. Dann eine zweite, dritte. Dann noch eine und noch eine; als landeten die Alliierten am Strand von Samouco, diesem kleinen Weiler an der Tejo-Mündung unweit Lissabons, steigen immer mehr Männer aus dem Wasser. Zügig, wortlos, erschöpft von der Jagd. Einige tragen rote Netze auf dem Rücken, andere Rucksäcke, schnell und schwer atmend schälen sie sich die Neoprenanzüge vom Körper. Es gilt, keine Zeit zu verlieren, niemand soll sie sehen, niemand darf sie erwischen.

Ihre Helfer am Strand warten schon. Nehmen die Säcke entgegen, einen nach dem anderen, tragen sie zu den Autos auf dem Parkplatz, laufen zurück zu den tropfenden Tauchern, um den nächsten Sack zu packen. Eine stille Kette zieht sich über den Strand, jeder Handgriff sitzt.

Nach ein paar Minuten ist alles vorbei. Die Taucher und ihre Helfer rasen samt der Beute in ihren Autos davon, der Morgendämmerung entgegen. Der Strand ist wieder leer, nur ein paar Plastikflaschen liegen im Sand. Und die Boote, die die Jäger an Land gebracht haben, bleiben als stumme Zeugen zurück, schaukeln sanft vor sich hin. Bis zur nächsten Ebbe in zwölf Stunden. Dann werden die Männer wiederkommen.

Sie tauchen nicht nach Schätzen. Sie fädeln keine Drogendeals ein. Schmuggler sind sie auch nicht. Hunderte von ihnen steigen trotzdem jeden Tag und jede Nacht in den Fluss, um auf den Sandbänken, die sich bei Ebbe aus dem Tejo erheben, Muscheln zu sammeln. Um genau zu sein: eine ganz bestimmte Sorte. Die Invasorin. Wer sie verkaufen will, nennt sie Venusmuschel, nach dem Bauchnabel der Schönheitsgöttin. Wer korrekt sein will, sagt Ruditapes philippinarum, Japanische Teppichmuschel.

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