Selektion am Zaun

Diese Geschichte steht nur Abonnenten zur VerfügungLock icon

An Spaniens Grenze zu Afrika scheitern nicht nur Migranten. 

Daniel Puntas Bernet

Du, Diego aus Ceuta, stehst vor dem Zaun und denkst: Jetzt ja keinen Fehler machen. Die von der marokkanischen Polizei infiltrierten Spitzel reden von einem Massenansturm, die Nachtsichtkameras bestätigen Gruppenbewegungen von Menschen wenige Kilometer vom Zaun entfernt. Es ist zwei Uhr morgens, das Meer aufgewühlt, und der Levante, der raue und kalte Ostwind beidseits der Meerenge Gibraltars, bläst in diesen ersten Märztagen heftig. Du gruppierst dich zusammen mit deinen Kollegen der Guardia Civil und Schulter an Schulter mit den Marokkanern, die erstmals enge Kooperation zugesichert haben, zu einer lebendigen Schutzwand vor dem Zaun, der Afrika von Europa trennt, jeder von euch mit Helm und Schild ausgerüstet, mit Knüppeln und Handschellen sowie einer Pistole, aber die musstest du, Diego, Truppenführer, 57 Jahre alt, geschieden, Vater von drei Töchtern, in den fünfunddreissig Jahren, in denen du bei der Guardia Civil arbeitest, zum Glück noch nie einsetzen. Die Gummischrotgewehre hat man euch nach den Ereignissen vom 6. Februar 2014 hier in Ceuta auf Druck der linken Politiker in Madrid und Brüssel weggenommen. Was für eine Idiotie, denkst du jetzt, an diesem anbrechenden 4. März, während die Scheinwerfer vom Kontrollturm am Grenzübergang in dieser mondlosen Nacht die Hügel absuchen und die Nervosität steigt. Dein Job ist es, die Grenze zwischen Europa und Afrika zu bewachen, keinen einzigen der Tausenden papierlosen Schwarzen aus den Ländern südlich der Sahara, die im Norden Marokkos nur zwei bis drei Kilometer von der Küste entfernt auf eine Gelegenheit dazu warten, ins vermeintliche Paradies hereinzulassen. Aber eine Ladung Gummischrot darfst du ihnen, wenn sie schreiend, ausgehungert, einige von ihnen Steine werfend und zu allem entschlossen dir entgegenstürmen, nicht verpassen

 

Ich möchte Reportagen abonnieren.

Abonnieren und weiterlesen

Ich habe bereits ein Abonnement.

Anmelden und weiterlesen

Daniel Puntas Bernet unterwegs:
Themen
Region