Sex, Lügen und Youtube

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Tiziana verzweifelt am Leben, als ihre intimen Clips im Netz auftauchen.

Barbara Bachmann

Am 29. April 2015 betritt eine junge Frau das einstöckige, graue Gebäude der «Polizia postale» von Neapel, der Post- und Kommunikationspolizei. Um 13 Uhr 30 gibt sie zu Protokoll, vor zirka vier Monaten ihr Mobiltelefon, ein iPhone 4s, verloren zu haben. Auf diesem hatte sie Fotos und Videos gespeichert, manche mit sexuellem Charakter. Vier Tage zuvor habe sie ein Freund telefonisch darauf aufmerksam gemacht, dass eines dieser Videos auf einer Pornoseite veröffentlicht worden sei mit dem Titel: «Die Hure mag es ins Gesicht». Einige Tage darauf sei dasselbe Video auf vier weiteren Seiten aufgetaucht mit dem Titel «Die neapolitanische Hure mag das Sperma ins Gesicht». Annunziata Tiziana Cantone, 31 Jahre alt, gerufen mit ihrem zweiten Vornamen, das Haar lang und schwarz, die Haut Solarium-gebräunt und die Augen stark geschminkt, will an jenem Tag eine strafrechtliche Verfolgung all jener erwirken, die für diese Vorfälle verantwortlich sind. Sie hat nichts Weiteres hinzuzufügen.

Fünf Tage später: Die Antragstellerin erweitert ihre Anzeige mit neuen Informationen. Ein zweites Video sei online gestellt worden auf den Seiten Xhamster und Youporn. Titel: «Paar-Blowjob im Freien». Und: «Mädchen betrügt ihren Freund in Neapel». Auch auf einer Webseite für Swingerpaare sei eines ihrer Videos zu finden, auf einer anderen werde über dieses Video geschrieben. Nichts Weiteres hat sie dem hinzuzufügen.

Sechs Tage später: Tiziana Cantone – aufgewachsen als Einzelkind in einem Haus mit rosa Wänden und rosa Sofas bei Mutter und Grossmutter, behütet wie eine Prinzessin auch vom Onkel und der Tante – gesteht der Polizei, nicht das Handy verloren zu haben wie anfangs behauptet, sondern Videos und Fotos über WhatsApp und Facebook an vier Männer geschickt zu haben. Sie nennt vier Namen samt Telefonnummern und gibt an, drei von ihnen nur virtuell zu kennen; von einem weiss sie nicht mehr als den Namen, den der Mann für sein Profil bei Facebook verwendet. Zwei Tage vorher habe sie erfahren, dass ein pornografisches Foto von ihr über WhatsApp verschickt werde, erhalten habe es ein Freund ihres Lebensgefährten Sergio di Palo. Keine weiteren Ergänzungen.

Video Nr. 1, Dauer: 1 Minute 3 Sekunden. Ein Mann hält die Smartphone-Kamera auf Tiziana Cantone gerichtet, er ist nicht zu sehen. Die beiden befinden sich im Freien, er steht, sie kniet. Während sie ihn oral befriedigt, sagt er: «Du bist eine wunderschöne Hure, und er ist ein Betrogener. Es stimmt doch, du bist meine Hure?» Tiziana schaut in die Linse der Kamera und sagt: «Machst du gerade ein Video von mir? Gut so.» Sie reden weiter über den «Cornuto», den Gehörnten, wie man in Italien einen Betrogenen bezeichnet –, bis eine Person sich der Szenerie nähert und sie das Video daraufhin abbrechen.

Hunderte private Sexvideos werden jeden Tag gedreht, vielleicht auch verschickt, sind bald wieder vergessen. Im Fall von Tiziana Cantone ist es anders. Vielleicht wegen dieses einen Satzes, der sich binnen kurzer Zeit im ganzen Land verbreitet. Ein Satz, der sich verselbständigt, ausser Kontrolle gerät. «Mi stai facendo un video? Bravo», «Machst du gerade ein Video von mir? Gut so», wird von Unbekannten auf T-Shirts gedruckt, auf Kaffeetassen und Schlüsselanhänger.

 

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