Showdown im Dorfladen

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Klauende Polen und misstrauische Deutsche. Klischees und Konflikt an der Grenze. 

Nancy Waldmann

Matras hat in seinem Dorf keinen einzigen Freund mehr. Der Ort ist ein Loch, bestehend aus grau verputzten Häuschen und den Resten altpreus­sischer Backsteingehöfte, das an keiner Durchgangsstrasse liegt und an keinem See, dafür mitten in der polnischen Pampa, vier Stunden mit dem Auto bis nach Warschau, eine Stunde und einundvierzig Minuten bis nach Berlin, zwanzig Minuten bis zur deutsch-polnischen Grenze. In Matras’ Dorf gibt es wenig Arbeit, dafür wird gern getrunken, mit Vorliebe vor dem Laden, der neben Wein und Bier das Nötigste zum Leben anbietet: Brot, Kefir, Wurst, Kuchen und Seife. Nur Matras kauft dort nicht mehr ein. Die Sklepowa hasst ihn. Ihr gehört der Laden. «Falscher Hund! Lügner!», schimpft sie über ihn. Zdzislaw Matras hat Drohungen erhalten. Jeden Morgen ruft ihn deswegen ein Freund aus Berlin an und fragt, ob er noch lebe. Der Ortsvorsteher boykottiert Matras, indem er von ihm nicht die Grundstücksteuer einsammelt, ein Gefallen, den er allen übrigen Dorfbewohnern tut. Soll er sie dem Amt doch selbst überweisen! Eines Tages lag Matras’ Hund tot vor der Hütte. Er ob­duzierte das Tier eigenhändig, der Magen war schwarz und voller Löcher. Vergiftet, von der Mafia im Dorf, vermutet Matras. Ein andermal hatte irgendwer sein Grundstück mit brennenden Kerzen umstellt. Grablichter. Matras’ Frau hielt es nicht mehr aus, jeden Sonntag in der Kirche schief angeschaut zu werden. Sie trennte sich von ihm und zog zurück zu ihrem Sohn. Die Schlechtmeinenden halten ihren Ex-Mann für einen «esbek», einen Stasi-Agenten, die Wohlmeinenden für einen Wirrkopf: Möge Gott über ihn richten.

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